Daniel Bajka sieht im Schweizer Bildungssystem etwas, das in der Diskussion über künstliche Intelligenz erstaunlich wenig Beachtung findet. Neben dem gymnasialen Bildungsweg eröffnet insbesondere die Berufsbildung jungen Menschen früh die Möglichkeit, Wissen mit praktischem Können zu verbinden, Verantwortung zu übernehmen und in der realen Arbeitswelt wirksam zu werden. Gerade diese Verbindung von Lernen, Anwenden und Weiterentwickeln könnte im Zeitalter intelligenter Maschinen weit über die Landesgrenzen hinaus an Bedeutung gewinnen. Ein Gespräch über Bildung, Zugehörigkeit – und eine Verantwortung, die vielleicht grösser ist, als wir denken.
Text: Seesicht-Redaktion | Fotos: zvg
Es beginnt nicht in einem Forschungslabor. Nicht bei einem Technologiekonzern im Silicon Valley und auch nicht in einer Universität. Sondern vielleicht in einer Werkstatt in Uster, einem Pflegeheim in Meilen, einem Hotel in Zürich oder einem Industriebetrieb in Rapperswil. Eine junge Frau oder ein junger Mann steht dort mit 15 oder 16 Jahren zum ersten Mal nicht nur vor einer Aufgabe, sondern vor etwas Neuem: Verantwortung. Etwas muss funktionieren. Die Kundschaft wartet. Ein Mensch braucht Unterstützung. Das Team verlässt sich darauf, dass die Arbeit gemacht wird. Was hat das mit künstlicher Intelligenz zu tun? Möglicherweise sehr viel.
Herr Bajka, im ersten Teil dieser Serie haben wir darüber gesprochen, was den Menschen in einer Welt intelligenter Maschinen unersetzlich macht. Jetzt wollen Sie über die Schweizer Berufsbildung sprechen. Warum?
Weil sich daraus für mich die nächste Frage ergibt. Wenn Wissen, Analyse und zunehmend auch intellektuelle Routine durch Maschinen verfügbar werden – wie müssen wir dann Menschen auf diese Welt vorbereiten? Da lohnt sich ein Blick auf etwas, das für uns in der Schweiz so alltäglich ist, dass wir seinen Wert vielleicht gar nicht mehr richtig sehen. Ein junger Mensch verlässt die obligatorische Schule und geht in einen Betrieb. Dort wird natürlich ein Beruf erlernt. Aber eigentlich geschieht viel mehr. Plötzlich arbeitet dieser junge Mensch mit Menschen unterschiedlichen Alters zusammen. Jemand erwartet etwas. Die eigene Arbeit gelingt oder misslingt und andere sind davon betroffen. Sehr früh entsteht die Erfahrung: Was ich tue, hat Konsequenzen. Das ist eine ausserordentlich wertvolle Form von Bildung.
Aber Berufslehre bedeutet doch zunächst, einen konkreten Beruf zu erlernen. Viele dieser Berufe werden sich durch KI stark verändern.
Natürlich. Und genau deshalb sollten wir die Berufslehre nicht mit dem heutigen Berufsbild verwechseln. Ein Schreiner wird künftig anders arbeiten. Eine Kauffrau ebenfalls. Auch andere Berufsbilder werden Werkzeuge nutzen, die wir heute teilweise noch gar nicht kennen. Die entscheidende Fähigkeit besteht deshalb nicht darin, eine bestimmte Tätigkeit 30 Jahre unverändert auszuführen. Sie besteht darin, etwas wirklich zu können. Können bedeutet mehr als Wissen. Es bedeutet, Wissen auf eine konkrete Situation anzuwenden, hinzusehen und abzuwägen, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, Fehler zu erkennen, zu improvisieren und am Ende für ein Ergebnis einzustehen. Genau diese Fähigkeiten werden durch intelligente Maschinen nicht wertloser. Sie werden wertvoller.
KI macht Wissen verfügbar. Die Berufsbildung hilft, es einzuordnen und kritisch zu prüfen. In den Betrieben, besonders in den vielen KMU, wird es konkret: Lernende wenden es an, erleben Folgen und übernehmen schrittweise Verantwortung. Aus Information wird Können – und aus Können entsteht Wirkung. Dafür braucht es Lehrpersonen, Betriebe und Politik, die diesen Raum bewusst gestalten.
Sie sprechen von einem «unterschätzten Vorsprung». Was genau meinen Sie damit?
Nicht, dass die Schweiz die Zukunft erfunden hätte. Und auch nicht, dass unser Bildungssystem keine Probleme hätte. Der Vorsprung liegt für mich in einem Prinzip. Wir haben eine Gesellschaft aufgebaut, in der praktische und akademische Bildung zumindest grundsätzlich unterschiedliche Wege zu einem selbstbestimmten Leben sein können. Ein junger Mensch muss nicht zuerst möglichst lange Wissen ansammeln, bevor ihm die reale Welt etwas zutraut. Wir sagen jungen Menschen schon mit 16: Komm. Mach mit. Lerne. Übernimm Schritt für Schritt Verantwortung. Das ist bemerkenswert. Denn wir diskutieren gerade weltweit darüber, welche Kompetenzen Menschen im Zeitalter künstlicher Intelligenz brauchen. Und vieles davon trainieren wir hier seit Generationen: Theorie und Praxis verbinden, Probleme in ihrem Kontext verstehen, mit unterschiedlichen Menschen zusammenarbeiten, Qualität beurteilen und Verantwortung übernehmen. Vielleicht haben wir einen Teil der Antwort längst vor Augen.
Ist das nicht eine etwas idealisierte Sicht auf die Schweiz?
Sie wäre es, wenn ich behaupten würde, alles funktioniere perfekt. Das tut es nicht. Auch bei uns gibt es Bildungswege, die gesellschaftlich höher bewertet werden als andere. Auch wir müssen uns fragen, ob unsere Berufsbilder schnell genug mit der technologischen Entwicklung mitgehen. Und selbstverständlich braucht eine moderne Gesellschaft Hochschulen, Wissenschaft und Spitzenforschung. Mir geht es nicht um Berufslehre gegen Studium. Mir geht es um etwas Tieferes: um die Verbindung von Denken und Tun. Wir haben Bildung lange stark daran gemessen, was jemand weiss. In einer Welt, in der eine Maschine in Sekunden mehr Wissen zugänglich machen kann, als ein Mensch jemals speichern könnte, reicht dieser Massstab nicht mehr.
Die Frage wird zunehmend lauten:
Was kannst du mit diesem Wissen bewirken?
Sie sprechen von der Schweiz. Wen meinen Sie damit?
Alle Menschen, die hier leben und diese Gesellschaft mitgestalten. Das ist mir wichtig. Die Stärke dieses Systems gehört nicht einer Herkunft, einer Sprache oder einem Schweizer Pass. In einem Ausbildungsbetrieb arbeiten Menschen zusammen, deren Familien aus völlig unterschiedlichen Regionen und Ländern stammen können. Und dort geschieht etwas gesellschaftlich enorm Wertvolles: Menschen begegnen einander nicht abstrakt als Herkunftsgruppen. Sie müssen gemeinsam etwas zustande bringen. Eine Arbeit muss fertig werden. Gäste müssen sich wohlfühlen. Eine Maschine muss laufen. Ein Mensch muss gepflegt werden. Gemeinsame Verantwortung schafft eine Form von Zugehörigkeit, die man nicht verordnen kann.
Warum wird das gerade durch künstliche Intelligenz wichtiger?
Weil Technologie Gesellschaften nicht automatisch zusammenführt. Sie kann Menschen auch voneinander entfernen, Wirklichkeiten fragmentieren und Entscheidungen immer abstrakter machen. Wir können irgendwann in einer Welt leben, in der wir unglaublich viel voneinander wissen und immer weniger miteinander tun. Deshalb halte ich Orte, an denen Menschen gemeinsam Verantwortung für etwas Reales übernehmen, für gesellschaftlich enorm wertvoll. Ein Betrieb oder eine Berufsschule kann so ein Ort sein, ebenso ein Verein oder eine Gemeinde. Eine funktionierende Gesellschaft entsteht nicht nur dadurch, dass Menschen dieselben Regeln befolgen. Sie entsteht auch durch die Erfahrung: Ich werde gebraucht. Und ich brauche andere.
Sie gehen damit noch einen Schritt weiter und sprechen von einer Verantwortung der Schweiz. Ist das nicht etwas gross gedacht für ein kleines Land?
Vielleicht. Aber die technologischen Veränderungen, über die wir sprechen, sind ebenfalls gross. Wir beginnen gerade ein weltweites Experiment. Milliarden Menschen werden lernen müssen, mit Systemen zusammenzuarbeiten, die ihnen bei immer mehr kognitiven Aufgaben überlegen sind. Wir können Technologie einsetzen, um Menschen stärker zu standardisieren, zu kontrollieren und aus Prozessen herauszuoptimieren. Oder wir können sie nutzen, um Menschen von Routine zu befreien und ihnen mehr Raum für Urteil, Beziehung, Kreativität und Verantwortung zu geben. Technisch ist wahrscheinlich beides möglich. Die Frage ist, welche Gesellschaft wir bauen wollen. Und hier hat die Schweiz interessante Voraussetzungen: eine starke Berufsbildung, innovative Unternehmen und Forschung, politische Stabilität und eine Kultur, in der Verantwortung vergleichsweise dezentral organisiert ist. Das ist keine Garantie. Aber es ist eine Chance.
Mehrsprachigkeit. Unterschiedliche Herkunft. Stadt und Land. Hochschulen und Berufslehre. KMU und globale Unternehmen. Direkte Demokratie und lokale Verantwortung. Die Schweiz ist kein einheitlicher Raum. Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke: Unterschiede müssen nicht verschwinden, damit gemeinsames Handeln möglich wird.
Was müsste die Schweiz tun, um diese Chance zu nutzen?
Zunächst müssten wir aufhören, KI nur als Werkzeug zur Effizienzsteigerung zu betrachten. Natürlich sollen Unternehmen produktiver werden. Aber wenn wir jede gewonnene Effizienz nur dazu benutzen, Menschen einzusparen oder ihre Arbeit enger zu takten, haben wir technologisch gewonnen und gesellschaftlich vielleicht verloren. Die interessantere Frage lautet: Was geben wir dem Menschen zurück? Mehr Entscheidungsspielraum, mehr Zeit für die Kundschaft, mehr Verantwortung oder neue Möglichkeiten, etwas zu gestalten? Gleichzeitig müssen wir die Berufsbildung mutig weiterentwickeln. Nicht indem wir Bewährtes über Bord werfen, sondern indem wir KI selbstverständlich in das Lernen integrieren. Lernende sollten intelligente Maschinen genauso selbstverständlich benutzen wie andere digitale Werkzeuge. Gleichzeitig müssen sie lernen, wann sie ihnen nicht folgen dürfen. Das ist vielleicht die wichtigste Kompetenz überhaupt.
«Die Schweiz muss der Welt nicht zeigen, wie man die intelligentesten Maschinen baut. Vielleicht kann sie zeigen, wie eine Gesellschaft mit intelligenten Maschinen menschlich bleibt.»
Was würden Sie einem jungen Menschen sagen, der heute vor der Entscheidung für eine Berufslehre steht und sich fragt, ob sein Beruf in zehn Jahren überhaupt noch existiert?
Ich würde nicht versprechen, dass dieser Beruf in 10 oder 20 Jahren noch genauso aussieht. Wahrscheinlich tut er das nicht. Aber Berufe und Werkzeuge haben sich schon immer verändert. Ich würde deshalb etwas anderes sagen: Lerne, etwas wirklich zu können. Lerne, genau hinzusehen, mit Menschen zu arbeiten, die anders sind als du, Fehler zu korrigieren und Verantwortung für ein Ergebnis zu übernehmen. Und gleichzeitig: Lerne, intelligente Maschinen zu benutzen. Sei neugierig auf sie. Nutze ihre Geschwindigkeit und ihr Wissen. Aber gib ihnen nicht dein Urteil ab. Denn vielleicht wird genau diese Kombination – technologische Souveränität und menschliche Verantwortung – einmal zu den wertvollsten Fähigkeiten gehören, die ein Mensch besitzen kann.
Und was würden Sie der Schweiz sagen?
Dass sie sich ihrer Stärke bewusster werden sollte, ohne sich darauf auszuruhen. Der Beitrag der Schweiz liegt vielleicht nicht darin, das grösste KI-Modell zu entwickeln. Sondern darin, zu zeigen, wie Menschen mit intelligenten Maschinen arbeiten können, ohne kleiner neben ihnen zu werden. Unser Vorsprung ist womöglich weder Technologie noch Wohlstand. Es ist die Art, wie wir Verantwortung organisieren: eine Berufsbildung, die jungen Menschen früh etwas zutraut, Unternehmen, in denen unterschiedliche Menschen gemeinsam leisten, und eine Kultur, die Denken und Tun verbindet. Nichts davon ist perfekt. Aber in einer Welt, in der Maschinen immer mehr können, könnte genau dieses Zusammenspiel entscheidend werden. Nicht nur, welche Technologie wir haben, sondern was sie aus unserem Zusammenleben macht. Vielleicht haben wir über Generationen etwas gelernt, das nun wichtiger wird: Du musst noch nicht alles wissen. Aber wir trauen dir zu, etwas zu können. Das gilt auch für uns alle: Wir müssen nicht wissen, wie diese Zukunft genau aussieht. Aber wir können Verantwortung dafür übernehmen, wie menschlich sie wird.
Daniel Bajka beobachtet intelligente Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft – und begleitet Unternehmen mit seiner Firma INNEXKI dabei, diese Veränderung aktiv zu gestalten. Als Hochschuldozent erlebt er, wie junge Menschen auf eine Arbeitswelt treffen, in der Wissen durch KI jederzeit verfügbar wird. In der SEESICHT-Serie THE INTELLIGENT SHIFT versteht er künstliche Intelligenz deshalb nicht nur als Technologie, sondern als Anlass für eine grössere Frage: Wie gestalten wir Fortschritt so, dass der Mensch nicht an Bedeutung verliert, sondern an Wirkung gewinnt?
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