Über die Co-Evolution von Mensch, Unternehmen und intelligenter Technologie

Die falsche Frage

Daniel Bajka beobachtet, wie intelligente Technologie die Wirtschaft verändert – leise, schnell und oft unterhalb des öffentlichen Radars. Als Begleiter dieser Transformation und als Hochschuldozent denkt er an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Bildung. Ein Gespräch über die Frage, die alle stellen – und warum sie falsch ist. Und über jene, die sie ersetzen sollte.

Text: Seesicht-Redaktion   |   Fotos: zvg

Kein Bildschirm auf dem Tisch, kein Handy, das vibriert – nur ein Notizbuch und der Blick auf den See. Eine fast altmodische Kulisse für ein Gespräch über die modernste aller Fragen. Aber vielleicht passt sie genau deshalb. Denn was gerade geschieht, ist keine Technologiegeschichte. Es ist eine Geschichte darüber, was am Ende menschlich bleibt. Und darüber, warum die Frage, vor der sich die meisten fürchten, gar nicht die entscheidende ist.

Herr Bajka, alle reden von künstlicher Intelligenz.
Sie sagen, das Wichtigste geschehe im Verborgenen.
Was meinen Sie damit?

Weil diese Veränderung anders verläuft als jede, die wir aus dem Geschichtsunterricht kennen. Früher hatte jede Umwälzung ihr Datum und ihren Namen: Gutenberg und der Buchdruck, Edison und die Glühbirne. Heute gibt es nicht den einen Augenblick. Wissen und Technologie sind breit verfügbar, Entwicklungen laufen gleichzeitig, Anwendungen entstehen überall. Darum warten wir auf den dramatischen Moment, in dem die Zukunft an die Tür klopft – und übersehen, dass sie längst eingezogen ist. In Kanzleien, Arztpraxen, Architekturbüros und Familienunternehmen arbeiten Menschen heute anders als noch vor zwei Jahren. Niemand hat dazu eine Medienmitteilung verschickt. Es ist eine stille, verteilte Transformation. Gerade deshalb unterschätzen wir, wie tief sie bereits reicht.

Die Maschine liefert die Analyse. Was daraus folgt – und wer dafür geradestehen muss – bleibt Menschensache.

Die falsche Angst, das richtige Muster


Viele Menschen haben Angst, von intelligenten Systemen ersetzt zu werden.
Ist diese Angst berechtigt?

Verständlich – aber sie stellen die falsche Fragen. Wer in die Wirtschaftsgeschichte schaut, erkennt ein Muster: Automatisierung macht den Menschen nicht einfach überflüssig. Sie entwertet eine Fähigkeit und macht im selben Atemzug eine andere kostbarer. Als die Fotografie das getreue Abbild übernahm, verlor die Malerei eine Pflicht und gewann eine Freiheit: Sie musste die Wirklichkeit nicht mehr kopieren, sie durfte sie deuten. Das Muster gilt bis heute. Maschinen übernehmen eine Sache – und dadurch wird eine andere Sache wertvoller. Immer.

Schwieriger wird es dort, wo heute gut ausgebildete Menschen betroffen sind: SachbearbeiterInnen, AnalystInnen, AssistentInnen – Menschen, die viel Zeit, Geld und Energie in ihre Ausbildung investiert haben. Wenn ein Teil ihrer Arbeit wegfällt, muss nicht nur ein Ablauf neu organisiert werden, sondern ein Mensch muss seine Rolle neu finden. Genau dort liegt die eigentliche Aufgabe: nicht bloss Ersatz zu organisieren, sondern Übergänge zu gestalten. Und zu fragen, welche neuen Rollen entstehen.

Sie fassen dieses Muster in dem Begriff
«Gesetz der intelligenten Kompensation»
zusammen. Wie funktioniert es?

Immer wenn eine Maschine eine Fähigkeit übernimmt, steigt der Wert jener menschlichen Fähigkeit, die sie ergänzt. Drei Beispiele aus dem Alltag: Google Maps findet den schnellsten Weg – aber ob man heute überhaupt fährt, und wohin, entscheidet man selbst. ChatGPT schreibt auf Knopfdruck Texte, Berichte, Offerten – ob dahinter eine eigene Überzeugung steckt, ob man das auch wirklich so abschicken würde, weiss die Maschine nicht. Ein Algorithmus erkennt in Datenbergen Muster, die kein Mensch in dieser Geschwindigkeit sähe – welche Frage man dabei überhaupt stellt, bleibt die menschliche Entscheidung. Die Maschine liefert. Was sie liefern soll, wofür und für wen – das bleibt Menschensache.

«Das Gesetz der intelligenten Kompensation»

Wenn Navigation automatisiert wird  →  steigt der Wert guter Entscheidungen.
Wenn Information unbegrenzt wird  →  steigt der Wert von Orientierung.
Wenn Analyse billig wird  →  steigt der Wert von Urteilskraft.
Wenn Texte generiert werden  →  steigt der Wert von Bedeutung.
Wenn Maschinen handeln  →  steigt der Wert menschlicher Massstäbe.

Was Maschinen nicht können 

Wenn das Ergänzende wertvoller wird –
wo genau bleibt der Mensch dann unersetzlich?

Intelligente Systeme sind in frühen Schritten erstaunlich stark: Erkennen, Analysieren, Gewichten, Vorschlagen. Mit der Robotik kommt ein weiterer Schritt hinzu – das Ausführen in der physischen Welt. Aber eine Maschine kann keine Bedeutung stiften. Sie kann beschreiben, was ist – nicht bestimmen, was es sein sollte. Sie kann agieren, aber nicht für ihr Tun geradestehen, wenn es Folgen hat. Eine KI verpflichtet sich nie. Sie revidiert ihr Urteil bei jedem neuen Datenpunkt – sofort, ohne Zögern, ohne Reue – weil für sie nichts auf dem Spiel steht. Wer auf ihre Einschätzung vertraut und entsprechend vorgeht, der steht für die Konsequenzen gerade. Das bleibt der Mensch. Noch immer.

Und das ist kein Nachteil. Das ist der Unterschied, der bleibt – und der in dem Masse wichtiger wird, in dem Maschinen mehr übernehmen.

Woran wird die Wirtschaft der Zukunft Ihrer
Einschätzung nach am ehesten leiden?

Nicht an einem Mangel an Information – davon haben wir längst zu viel. Sie wird leiden an einem Mangel an Orientierung, Vertrauen, Verbindlichkeit. Je leistungsfähiger die Systeme werden, desto wertvoller wird genau das – weil es sich eben nicht programmieren lässt. Wissen wird billig. Einfluss haben jene, die daraus Orientierung schaffen: Menschen, die eine klare Position beziehen, dafür geradestehen und andere mitnehmen. Das ist die neue, stille Elite. Nicht IQ. Nicht Reichweite. Haltung.

«Eine Maschine kann uns sagen,
welche Entscheidung klug wäre.
Sie kann nicht für uns einstehen,
wenn es unbequem wird.
Für sie steht nichts auf dem Spiel.»

Was zutiefst menschlich bleibt

Sie unterrichten an der Hochschule.
Was geben Sie jungen Menschen mit –
das sich nicht googeln lässt

Fakten brauchen sie von mir nicht – die ­finden sie in Sekunden. Was ich ihnen mitgeben kann, ist etwas anderes: wie man eine Entscheidung trifft, wenn keine sichere Antwort wartet – und wie man bereit ist, dafür Verantwortung zu übernehmen. Deshalb lasse ich Studierende unter Unsicherheit entscheiden und ihre Wahl begründen. Gute Entscheidungen entstehen selten aus vollständiger Information, sondern aus Urteilsvermögen.

Künstliche Intelligenz liefert Wissen im Überfluss. Bildung muss deshalb Menschen befähigen, Wesentliches zu erkennen, verantwortlich zu handeln und auch ohne eindeutige Antworten Orientierung zu geben. Das kann keine KI übernehmen. Es entsteht im Dialog, durch Erfahrung und von Mensch zu Mensch.

Was überrascht Sie an dieser ganzen
Entwicklung am meisten?

Dass diese Entwicklung uns nichts Fremdes abverlangt – wenn wir sie richtig gestalten. Wir haben befürchtet, die Maschinen würden uns das Menschliche austreiben. Möglich ist auch das Gegenteil: dass sie uns das Mechanische abnehmen und uns zu dem zurückbringen, was nur wir können. Entscheiden. Geradestehen. Bedeutung geben. Aber das geschieht nicht von selbst. Viele Systeme, die uns dienen sollten, haben uns zu ihren Zuträgern gemacht: zu Menschen, die Felder befüllen, Daten pflegen, Prozesse bedienen – und deren Leistung daran gemessen wird, wie vollständig sie die Maschine gefüttert haben. Der Mensch im Dienst der Maske, nicht umgekehrt. Beides gibt es bereits: die Technologie, die befreit – und die Technologie, die vereinnahmt. Welche sich durchsetzt, entscheiden nicht die Maschinen. Das entscheiden wir – mit der Welt, die wir gestalten, und der Verantwortung, die wir dabei übernehmen.

Und was, würden Sie sagen,
bleibt zutiefst menschlich?

Der Mensch wird nicht dadurch einzigartig, dass er alles weiss. Sondern dadurch, dass er handeln muss, bevor er alles wissen kann. Jede wichtige Entscheidung entsteht unter Unsicherheit. Wir legen uns fest, obwohl wir irren könnten, und übernehmen Verantwortung für die Folgen. Gleichzeitig behalten wir die Grösse, unsere Überzeugung zu ändern, wenn bessere Argumente oder neue Erkenntnisse es verlangen. Eine Maschine kennt dieses Dilemma nicht. Für sie steht nichts auf dem Spiel. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Intelligenz und Menschlichkeit. Diese Spannung zwischen Entschlossenheit und Offenheit ist kein Makel. Sie ist die Grundlage von Vertrauen, Wissenschaft, Demokratie und jeder Gemeinschaft, die aus Fehlern lernt. Was die Menschheit aufgebaut hat, entstand nicht durch Unfehlbarkeit, sondern durch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und Irrtümer zu korrigieren. 

Was zutiefst menschlich bleibt, ist unsere Fähigkeit, Verantwortung für unser eigenes Denken zu übernehmen.

Daniel Bajka beobachtet intelligente Trans­formation in Wirtschaft und Gesellschaft –  und begleitet Unternehmen mit seiner Firma INNEXKI dabei, diese Veränderung aktiv zu gestalten. Als Hochschuldozent gibt er seine Erfahrungen an junge Menschen weiter und denkt an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Bildung. In der SEESICHT-Serie THE INTELLIGENT SHIFT versteht er sich nicht als Technologe, sondern als Einordner einer Veränderung, die leiser verläuft, als ihre Schlagzeilen vermuten lassen – und schneller, als uns bewusst ist.

innexki.ch