Achtsamkeit Teil V

Warum unser Gehirn Stille braucht

Wir leben in einer Zeit, in der unser Alltag von Geschwindigkeit und Leistung geprägt ist. Nachrichten, Termine, soziale Medien und die ständige Erreichbarkeit sorgen dafür, dass unser Geist selten zur Ruhe kommt. Stress gilt inzwischen als Volkskrankheit. Gleichzeitig entdecken immer mehr Menschen eine jahrtausendealte Praxis neu, die erstaunlich gut zu den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts passt: Meditation.

Text: Claudio Brentini  |   Fotos: Adobe Stock

Lange wurde Meditation als spirituelle Technik für Mönche oder als esoterischer Trend belächelt. ­Heute beschäftigen sich Neurowissenschaftler, Psychologen und Mediziner intensiv mit dessen Wirkung. Die Ergebnisse sind beeindruckend. ­Meditation verändert nicht nur unser Wohl­befinden, sondern kann auch messbare Veränderungen im Gehirn hervorrufen.

Vereinfacht gesagt bedeutet Meditation, die Aufmerksamkeit bewusst auf den gegenwärtigen Moment zu richten. Das kann über den Atem, Körperempfindungen oder bestimmte Gedanken geschehen. Ziel ist nicht, alle Gedanken abzuschalten, sondern sie wahrzunehmen, ohne sich von ihnen mitreissen zu lassen. Forscher der Harvard University konnten zeigen, dass regelmässige Meditation die Struktur des Gehirns beeinflusst. Bereits nach acht Wochen wurden Veränderungen in Bereichen festgestellt, die für Gedächtnis, Selbstwahrnehmung, Empathie und Stressregulation verantwortlich sind. Gleichzeitig nahm die Aktivität jener Region, die eine zentrale Rolle bei Angst und Stress spielt, ab. Neurowissenschaftler sprechen von Neuroplastizität. Unser Gehirn ist formbar und verändert sich ein Leben lang. Meditation wirkt dabei wie ein Training für den Geist. Ähnlich wie Muskeln durch Bewegung stärker werden, können durch regelmässige Achtsamkeitsübungen Konzentration, emotionale Stabilität und innere Gelassenheit gefördert werden.

Apropos Gehirn. Der bekannte Neurologe und ­Psychiater Dr. Volker Busch sagte in der Sendung «Der Schmidt Max auf der Suche nach der Stille» vom Bayrischen Fernsehen, dass unser Gehirn alle zwei Tage rund 75 GB Daten aufnehme. Das entspricht der Menge, die ein Bauer im 18. Jahrhundert sein ganzes Leben aufgenommen hat, wie eine Studie der University of California gezeigt und ebenfalls noch festgestellt hat, dass der Informationskonsum jedes Jahr zusätzlich um zwei Prozent noch steigt. Busch stellte ein Glas Wasser hin, schüttete Sand hinein und rührte um. Genau das passiere auch im Gehirn bei viel Belastung, «wir sehen nicht mehr klar.» Die einzige Lösung sei, das Wasser ruhig stehen zu lassen, damit der Sand sich setze und man wieder klar sehen könne. «Wir haben wieder den Durchblick. Das passiert, wenn wir Stille zulassen», so Dr. Volker Busch.

Unser Gehirn nimmt alle zwei Tage rund 75 GB Daten auf. Darum braucht es Stille und eine digitale Entgiftung.

Weniger Stress, mehr Fokus

In einer Welt, in der viele Menschen unter Dauerbelastung leiden, wird die Fähigkeit zur bewussten Entschleunigung immer wertvoller. Meditation kann helfen, den Spiegel des Stresshormons Cortisol zu senken und die Aktivität des Nervensystems zu fördern. Viele Menschen berichten bereits nach wenigen Wochen von besserem Schlaf, grösserer Konzentrationsfähigkeit und einer gesteigerten Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen. Auch in der Psychotherapie wird Meditation zunehmend eingesetzt. Achtsamkeitsbasierte ­Verfahren helfen beispielsweise bei Depressionen, Angststörungen oder chronischem Stress, sie ­fördern die Konzentration und helfen, Fehler zu vermeiden. Besonders bemerkenswert ist, dass dafür keine stundenlangen Sitzungen nötig sind. Schon zehn bis 15 Minuten täglich können positive Effekte haben. Gerade in einer Zeit permanenter Ablenkung wird die Fähigkeit, den Fokus bewusst zu steuern, zu einer wichtigen Ressource. Busch hat das so formuliert: «Stille zieht Gedanken an, die der Lärm verjagt.»

Weisheit aus dem Buddhismus

Die Wurzeln der Meditation reichen mehr als 2500 Jahre zurück und sind eng mit dem Buddhismus verbunden. Dort gilt Meditation nicht als Flucht aus der Welt, sondern als Weg, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und Mitgefühl zu entwickeln. Buddha lehrte, dass Leiden oft aus dem ständigen Festhalten an Gedanken, Erwartungen und Sorgen entstehe. Achtsamkeit bedeutet, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen, ohne ihn sofort zu bewerten. Interessanterweise bestätigen moderne wissenschaftliche Erkenntnisse viele dieser alten Einsichten. Das bewusste Beobachten von Gedanken und Gefühlen fördert emotionale Ausgeglichenheit und reduziert automatische Stressreaktionen. Der vietnamesische Zen-Meister und Autor Thich Nhat Hanh brachte es auf den Punkt: «Der gegenwärtige Moment ist der einzige Moment, in dem wir wirklich leben.»

Die stille Revolution

Immer mehr Volksschulen weltweit integrieren Achtsamkeit und Meditation in den Unterricht. In Grossbritannien wurden entsprechende Programme bereits an zahlreichen Schulen getestet. Ziel ist, Kindern und Jugendlichen Werkzeuge an die Hand zu geben, um mit Leistungsdruck, Ängsten und der digitalen Reizüberflutung besser umgehen zu können. Auch in den USA, Kanada und Australien gibt es erfolgreiche Projekte. Lehrer berichten von einer ruhigeren Lernatmosphäre, verbesserter Konzentration und einem respektvolleren Umgang miteinander. In einigen Schulen beginnen die Unterrichtsstunden mit wenigen Minuten stiller Atmung oder kurzen Achtsamkeitsübungen. Was zunächst ungewohnt erscheint, entwickelt sich für viele Schülerinnen und Schüler schnell zu einer wertvollen Routine.

Auch Unternehmen entdecken die Kraft der Meditation. Was früher als ungewöhnlich galt, gehört heute in vielen internationalen Konzernen zum Gesundheitsmanagement. Firmen wie Google, SAP oder LinkedIn bieten ihren Mitarbeitenden Meditationskurse und Achtsamkeitstrainings an. Google entwickelte sogar das Programm «Search Inside Yourself», das emotionale Intelligenz und Selbst­führung fördern soll. Kern des Acht-Wochen-Kurses ist ein leicht umsetzbares Achtsamkeitskonzept, 

das auf drei einfachen Prinzipien basiert: Aufmerksamkeitstraining, Selbsterkenntnis sowie Aneignung nützlicher geistiger Gewohnheiten. Der Hintergrund ist klar: Kreativität, Konzentration und psychische Gesundheit werden in einer wissens­basierten Arbeitswelt immer wichtiger. Studien zeigen, dass achtsame Mitarbeitende oft produktiver arbeiten und besser mit Stress umgehen können. In Japan gehören kurze Momente der Stille und Konzentration in manchen Unternehmen bereits seit Jahrzehnten zur Unternehmenskultur. Auch skandinavische Firmen setzen verstärkt auf Programme zur Förderung des mentalen Wohlbefindens.

Digitale Entgiftung

Vielleicht liegt die grösste Stärke der Meditation darin, dass sie einen Gegenpol zur ständigen Beschleunigung unserer Zeit schafft. Während Algorithmen und Unternehmen um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren und Smartphones jede freie Minute füllen, bietet Meditation einen Raum der bewussten Pause. Sie ist gewissermassen ein Digital Detox für den Geist. Nicht weil Technik schlecht wäre, sondern weil unser Gehirn Erholung braucht. Stille ist kein Luxus, sondern eine biologische Notwendigkeit. Dazu Dr. Volker Busch: «Unser Gehirn steht eigentlich im Mittelpunkt, doch wir pflegen es kaum.» Immer mehr Menschen erkennen mittlerweile, dass Erfolg nicht allein aus Leistung entsteht, sondern auch aus der Fähigkeit, regelmässig innezuhalten. Meditation bedeutet daher nicht, weniger zu tun, sondern bewusster zu leben.

«Der gegenwärtige Moment
ist der einzige Moment,
in dem wir wirklich leben.»

Die Zukunft könnte achtsamer werden

Was einst in buddhistischen Klöstern praktiziert wurde, hat längst den Weg in Universitäten, Schulen, Kliniken und Unternehmen gefunden. Die Verbindung von jahrtausendealter Weisheit und moderner Hirnforschung zeigt, dass Meditation weit mehr ist als ein Wellness-Trend. In einer Welt, die immer schneller wird, könnte die Fähigkeit zur inneren Ruhe zu einer der wichtigsten Kompetenzen unserer Zeit werden. Denn vielleicht besteht wahrer Fortschritt nicht nur darin, immer mehr zu erreichen, sondern auch darin, wieder zu lernen, einfach einen Moment lang still zu sein. Und genau darin liegt die erstaunliche Kraft der Meditation: Sie verändert nicht die Welt um uns herum – aber sie verändert die Art, wie wir ihr begegnen.