Qi Gong

Der sanfte Weg zum starken Ich

Qi Gong gehört zu den gesündesten Bewegungsarten, die es gibt. Dies belegen mittlerweile unzählige Studien. Die Bewegungsabläufe sind meist einfach zu erlernen und haben eine positive Wirkung auf Körper und Geist. Perfekt für die Herausforderungen der heutigen Zeit und ideal für Menschen auch im Seniorenalter.

Text: Claudio brentini   |   Fotos: Adobe Stock

Qi Gong stammt bekanntlich aus China, hatte dort aber nicht immer denselben, hohen Stellenwert, den es heute hat. Mittlerweile wird es an Universitäten gelehrt, in Kliniken ist es ein fester Bestandteil, zum Beispiel in der Reha nach Operationen, Unfällen und Krankheit, und auch offiziell ist die Wirkung anerkannt. Qi Gong, das sind Gesundheitsübungen, Bewegungen, welche in sogenannten Formen zusammengefasst sind. Davon gibt es unzählige. Bekannt sind zum Beispiel die Acht Seidenbrokat Übungen (Ba Dua Jin), die Serien der 18 Formen (Shi Ba Shi) oder auch die 18-fache Methode der Qi Gong Übung (Lian Gong Shi Ba Fa). Einige Formen sind hunderte von Jahren alt, andere wurden im 20. Jahrhundert entwickelt und nach wie vor werden neue Formen veröffentlicht oder alte Schriften aufgearbeitet. Die meisten sind einfach zu erlernen und weil die Bewegungen ruhig und entspannt ausgeführt werden, besteht kaum eine Verletzungsgefahr. Dennoch sollte man die Formen nicht unterschätzen. Richtig ausgeführt, trainieren sie den Körper, halten diesen flexibel, stärken die Muskulatur und fördern die Koordination sowie das Gleichgewicht, was vor allem im hohen Alter ein sehr wichtiger Aspekt ist.

Körper und Geist sind aus chinesischer Sicht unzertrennbar verbunden. Qi Gong wirkt deshalb ebenso auf den Körper wie auf den Geist oder durch den Körper auf den Geist. Vereinfacht gesagt kann sich der Geist dann entfalten, wenn der Körper zu einer inneren Ruhe gefunden hat und vollkommen entspannt ist. Mit dem Körper, also mit den entspannten Bewegungen, welche mit der richtigen Atmung koordiniert werden, findet der Geist auch zur Ruhe. Die äussere Bewegung, richtig ausgeführt, ermöglicht oder unterstützt diese innere Ruhe. Dass genau dies gar nicht so einfach ist, spüren Anfängerinnen und Anfänger deutlich. Meist werden die Bewegungen zu Beginn mit Kraft ausgeführt, die Schultern sind gespannt, der Körper ist verspannt, die Abläufe nicht fliessend und leicht, oft viel zu schnell ausgeführt. Ent-Spannung muss mühsam erlernt werden. Paradoxerweise braucht es dazu auch Kraft und ein stabiles, körperliches Grundgerüst sowie Flexibilität. Zum Letzteren passt das Bild eines Baums. Ist dieser jung, sind die Äste flexibel und brechen nicht im Wind, weil sie mitgehen und nachgeben. Bei einem starren, knorrigen Baum brechen die Äste bei einem Sturm, weil sie nicht mehr elastisch, beweglich sind und nicht nachgeben können. 

Zentral ist beim Qi Gong, wobei man hier «auch beim Qi Gong» schreiben müsste, die Atmung, welche wie bereits erwähnt mit den Bewegungen koordiniert wird. Diese wird ruhig und tief ausgeführt, also die auch im Westen bestens bekannte Bauchatmung, und beeinflusst so mit den ruhigen, entspannten Bewegungen den Gesamtzustand des Körpers. Die Atmung gilt ja als das Tor zur inneren, geistigen Welt, auch in der Meditation. Eine ruhige, tiefe Atmung wiederum beeinflusst den Geist, Entspannung wird ganzheitlich erfahren, was sich auch positiv auf geistige und seelische Herausforderungen oder gar Krankheitsbilder, wie zum Beispiel Depressionen, auswirkt. Teilnehmende in Qi Gong-Kursen erzählen oft, wie gestresst, belastet oder ausgelaugt sie zum Training gekommen seien, aber bereits nach kurzer Zeit vollkommen bei sich waren, im Hier und Jetzt, achtsam im Moment. Nach dem Training verspüren die meisten viel Energie, vergleichbar mit neu geladenen Batterien. Genau deshalb macht es auch Sinn, frühmorgens Qi Gong zu üben, wobei es durchaus auch Formen für andere Tageszeiten gibt. 

«Qi Gong wirkt ebenso auf den Körper wie auch auf den Geist.»

Bei all dem, was Qi Gong bewirken kann, muss aber auch hier eines klargestellt werden: Von nichts kommt nichts. Veränderungen brauchen Zeit, nur regelmässiges Training über eine lange Zeit bringt die Übenden weiter. Nicht einfach so steht das Wort Gong schliesslich für ­Arbeit, Übung, Training. Natürlich unterstützen gewisse Qi Gong-Formen die Reha nach einer Operation, nach einem Unfall oder Krankheit, ganzheitliche Gesundheit ist aber ein Weg, ein kontinuierlicher. Die Bewegungsabläufe im Qi Gong verändern den Körper, die Haltungen, auch die inneren. Äussere Bewegungen wie ein Drehen des Oberkörpers ­wirken sich auch auf das Innere, auf Organe aus und wirken wie eine sanfte innere Massage. Die Bewegungen regen den Stoffwechsel an und stärken das Gleichgewicht. Letzteres ist vor allem im Alter so wichtig beim Thema Sturzprävention. 

Im Luzerner Hochdorf, wo jede Woche wie an vielen anderen Orten der Schweiz ein öffentliches Qi Gong stattfindet, hat sich das Gleichgewichtsgefühl der Teilnehmenden in drei Jahren sicht- und spürbar verbessert, mit enorm positiven Auswirkungen auch auf den Alltag. Die Seniorinnen und Senioren erzählen, sicherer zu sein, wenn sie zu Fuss unterwegs seien, und generell eine stabilere Körperhaltung entwickelt zu haben. Die Koordination wird verbessert, auch die Flexibilität, der Körper wird sanft gestärkt. Dies alles geschieht nicht von heute auf morgen. Lässt man sich aber auf diesen Weg ein, hat dies enorme, deutlich spürbare Auswirkungen. Falsch ausgeführt können die Übungen aber zu Verspannungen führen, also genau das Gegenteil dessen, was man erreichen möchte. Wie bei allen Bewegungskünsten sollte man sich also auch beim Qi Gong eine qualifizierte Lehrperson suchen, welche anleiten und nötigenfalls korrigieren kann. Auch hier gilt: Augen auf. Welche Qualifikationen bringt die kursleitende Person mit? Wo hat sie eine Ausbildung gemacht und wie lange dauerte diese? Leider ist es auch beim Qi Gong so, dass man gegen gutes und vor allem viel Geld an einem einzigen Wochenende oder sogar online, bequem vom Sofa aus ein Lehrdiplom abschliessen oder besser kaufen kann. So einfach die Bewegungen auf den ersten Blick erscheinen, eine falsche Haltung, verspannte Schultern, eine flache Atmung oder anderes kann mehr schaden als nützen. 

Qi Gong ist, wie auch alle anderen Bewegungskünste, kein Wundermittel, aber ein guter sowie effektiver Weg zu einer inneren und äusseren Veränderung. Das passt perfekt in das aktuelle Thema Achtsamkeit, denn ­Koordination, Atmung und Entspannung führen zu Achtsamkeit. Nicht ohne Grund werden in chinesischen Fabriken in der Pause Qi Gong- oder Taiji Quan-Übungen ausgeführt. Die Wirkung auf die geistige und körperliche Gesundheit ist nicht von der Hand zu weisen. Der buddhistische Meister Tulku Lobsang Rinpoche hat zudem zu Recht gesagt, es gebe keine Ausrede dafür, nicht jeden Tag zehn oder 20 Minuten zu trainieren, sich zu bewegen, zu üben. Eine gute Möglichkeit dafür, vor allem auch für Bewegungsungeübte, bietet Qi Gong. Und dies bis ins hohe Alter. Im Luzerner Hochdorf ist die älteste Teilnehmerin, die nun seit drei Jahren Qi Gong trainiert, 94 Jahre alt. Auch Erich Kästner hatte Recht: «Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es.» Das schliesst auch Gutes mit ein, das man für sich selbst, für seine eigene innere und äussere Gesundheit tut. Qi Gong ist eine wunderbare Methode, genau dies zu tun.