Achtsamkeit Teil II

Das Märchen vom einfachen Glück

Pünktlich zu einem neuen Jahr werden fleissig Tipps veröffentlicht, wie man glücklich werden und sein kann. Im Trend: Haltungen und Ansätze aus Japan. Was da beschrieben wird, tönt einfach, machbar und daher plausibel. Wie immer bei einfachen Rezepten, die Grosses versprechen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Text: Claudio Brentini   |   Fotos: Adobe Stock

Innerhalb weniger Wochen stolperte der Autor dieser Zeilen mehrmals über den Begriff Ikigai. Zunächst in diversen Artikeln, dann mit dem scheinbaren Bestseller vom Neurowissenschaftler Ken Mogi. Was er beschreibt, tönt logisch, einfach, umsetzbar. Gemäss Mogi bilden fünf Säulen die Basis dieses Konzepts, welches mit «Wert des Lebens» übersetzt wird, mitunter auch mit «Einen guten Grund haben, aufzustehen» beschrieben wird: klein anfangen, loslassen lernen, Harmonie und Nachhaltigkeit leben, die Freude an kleinen Dingen entdecken, im Hier und Jetzt sein. Der Autor beschreibt in seinem Buch gleich zu Beginn den ältesten Dreisterne-Koch und folgert dessen Erfolg auf das Konzept Ikigai. Der Autor betont dabei, dass dieses Konzept breit anerkannt sei im Land der Sonne und ein Garant für ein glückliches Leben. Neben Ikigai werden aber auch andere Ansätze in den Medien und im Internet propagiert: Wabi-Sabi, die Schönheit des Unvollkommenen; Kaizen, das Streben nach Verbesserung; Shikata ga nai, loslassen, was man nicht kontrollieren kann, sowie Omoiyari, das Konzept des Mitgefühls sowie der Empathie. Japan scheint also ein Land voller glücklicher Menschen zu sein, was auch die Tatsache zu belegen scheint, dass dort sehr viele Menschen ein sehr hohes Alter erreichen. Wäre da nicht die Realität, die in grossen Teilen eben sehr wenig mit Ikigai oder Omoiyari zu tun hat.

Bereits 2015 geriet ein Thema in die Schlagzeilen, welches so gar nicht zu glücklichmachenden Konzepten passt. Die 24-jährige Matsuri Takahashi, Absolventin einer Tokioter Elite-Uni, hatte sich an Weihnachten in einem Wohnheim der grössten Werbeagentur in Japan umgebracht. Jeden Monat hatte sie hunderte von Überstunden absolviert, denn ein Nein schickte sich einfach nicht. In Japan gibt es sogar einen Begriff für Suizide im Zusammenhang mit Arbeitsbelastung: Karoshi – Tod durch Überarbeitung. Die Zahlen sind nach wie vor alarmierend. Mittlerweile anerkennt Japan offiziell die Todeszahlen, allein im Jahr 2024 waren es 1304 registrierte Fälle im Zusammenhang mit Überarbeitung. Das Ganze hat mit einer Kultur zu tun, die mittlerweile von der ersten Premierministerin Japans, Sanae Takaichi, die gemäss eigenen Angaben so gar nichts von einer Work-Life-Balance hält, vorgelebt und auch eingefordert wird. Sie versprach bei ihrem Amtsantritt: «Ich werde arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten und weiterarbeiten.» Mittlerweile wird ihr eher ungesundes Aussehen hinterfragt und auch, wie lange sie ihre Arbeitsbelastung wohl durchhalten wird. Vor allem aber sendet die Premier­ministerin ein problematisches Zeichen im Kampf gegen Karoshi. Denn nach wie vor gilt in grossen Unternehmen ein streng hierarchisches System, wo ein Nein ungebührlich ist. Nicht selten nehmen sich junge Arbeitnehmende nie Ferien aus Angst, der Job werde während ihrer Abwesenheit einer anderen Person vergeben. Dies zeigt, dass das Bild einer vermeintlich glücklichen Nation Risse bekommt, wenn man genauer hinschaut. Auch Ken Mogi thematisiert dies kurz in seinem Buch und betont: «Für ein stabiles Gefühl von Ikigai müssen Arbeit und Leben im Gleichgewicht sein.» Rezepte für ein glückliches Leben müssen also immer im Zusammenhang betrachtet werden. Soziale, ­gesellschaftliche Zwänge sind nun mal Realität, sich davon zu befreien meist alles andere als leicht, wie Japan deutlich beweist.

Das reelle Leben in Japan, geprägt von Dienstleistung, Wachstum, Einsatzwille und Arbeit. ZEN findet man hier nur in den Menschen, die trotzdem Achtsamkeit leben.
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Viele Wege und Methoden führen zu einem glücklichen Leben. Egal, welche man wählt, es gilt den Weg konsequent zu gehen und nicht aufzugeben, wenn dieser holprig oder anstrengend ist.
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Sind damit also alle Konzepte für ein glückliches Leben, egal, woher sie stammen, überflüssig und sinnlos? Mitnichten. Alle Konzepte haben schliesslich eines gemeinsam, achtsam die eigene Situation zu betrachten und schliesslich auch anzugehen sowie eine Selbstakzeptanz als Grundlage. Wird aber die Realität dabei vollkommen ausgeblendet, werden Konzepte von ihr bald eingeholt. Ikigai funktioniert nicht oder nur sehr erschwert, wenn man sich im Würgegriff gesellschaftlicher Zwänge befindet. Umso wichtiger ist daher die Frage nach dem eigenen Glück, aber es hat eben mit der Realität zu tun und mitunter ist die Suche nach dem Glück ein reines Luxusthema, denn viele bekommen nie die Möglichkeit, sich wirklich auf diese Suche zu begeben. Rezepte helfen dabei meist nicht. Glück hat, was auch keine neue Weisheit ist, mit einem selbst zu tun. Es zu erreichen hat wiederum mit Haltungen und auch einem achtsamen Umgang mit der eigenen Realität zu tun. Es ist wie beim Wunsch, Gewicht zu verlieren. Diäten helfen, klar, aber meistens nur sehr kurz und mit dem bekannten Jojo-Effekt. Eine schnelle Lösung gibt es also nicht, es geht um mehr, Grundsätzlicheres, um eine Umstellung der Essgewohnheiten, um Bewegung, einen Lebensstil, eine Lebenshaltung. Das kann durchaus gelingen, aber es ist ein Weg. «Schnell» muss dabei aus dem eigenen Wortschatz gestrichen werden, denn «schnell» bedeutet nicht per se sinnvoll oder gut, sondern eher das Gegenteil. Das Wort muss also mit «achtsam» ersetzt werden. Vor allem aber hat alles damit zu tun, den Weg zu gehen und damit hatte Franz Kafka wohl recht mit seinem berühmten Zitat: «Der Weg entsteht, indem man ihn geht.» Genau dies aber ist meist das Problem. Viele gehen den Weg nur eine kurze Zeit. Wenn dieser ansteigt, mühsam wird, Veränderungen verlangt, eine andere Geschwindigkeit, geben sehr viele auf. Es ist egal, welche Methode für ein achtsames, gesundes Leben gewählt wird, ob Qi Gong, Yoga, Taiji Quan, Meditation oder andere, schnell geschieht bei all diesen Methoden nichts. Nur wer auf dem Weg bleibt, kommt auch weiter und nicht ans Ziel, sondern an viele kleine Ziele, die immer mit Veränderungen zu tun haben.

«Da es sehr förderlich für die
Gesundheit ist, habe ich
beschlossen, glücklich zu sein.»

Voltaire prägte den Spruch: «Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.» Glück also als eine persönliche Entscheidung und damit auch, etwas dafür zu tun, einen Weg, den man bewusst gehen muss. Voltaire thematisierte aber auch den Umgang mit Illusionen und erkannte die Diskrepanz zwischen dem Streben nach Glück und der Realität. Ist man also unglücklich, braucht es eine Veränderung oder vielleicht auch mal die Fähigkeit einer Akzeptanz. Nämlich das zu akzeptieren, was man nicht verändern kann. Auf der anderen Seite braucht es den Mut zu verändern, was man verändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden, wie es im berühmten Gebet der anonymen Alkoholiker steht. Kleine Schritte, also Kaizen, machen dabei Sinn, aber es müssen halt Schritte sein. Die Sängerin Taylor Swift sagte treffend: «Jeder ist neidisch darauf, was du hast. Aber keiner ist neidisch darauf, was du dafür tun musstest.» Was tut man also wirklich selbst für das eigene Glück? Welchen Weg ist man bereit zu gehen und wie lange? Welche Veränderungen geht man konkret an? Was ist man wirklich bereit zu tun? Das sind grundsätzliche Fragen für alle Konzepte und Methoden. Die gute Nachricht: Es kann durchaus gelingen, Veränderungen im positiven Sinne anzugehen. Das beweisen sehr viele Menschen, die sich entschieden haben und den Weg konsequent gehen. Nur mal ein Buch zu lesen, wird aber nicht reichen, ebenso ­wenig ab und an einen Motivationskurs oder alle paar Wochen eine Yogastunde zu besuchen, sonst aber von einem Termin zum anderen zu hetzen. Die Basis ist Achtsamkeit, also bewusst und konsequent einen Weg gehen. Dass dies aber mitunter alles andere als einfach ist, wenn man gefangen ist in gesellschaftlichen und sozialen, also auch familiären Zwängen, zeigt Japan mehr als deutlich. Es zeigt aber auch, wie wichtig es ist, hinzuschauen und zu hinterfragen, zu verändern, einen anderen Weg zu wählen, als sich das eigene, wertvolle Leben zu nehmen. So gesehen ist Voltaires Spruch auch eine Aufforderung an uns alle, nämlich grundsätzlich zu beschliessen, glücklich zu sein, denn dies ist letztendlich die Grundlage. Der Weg ergibt sich dann, wenn man ihn geht. Schritt für Schritt.