Achtsamkeit ist mittlerweile in aller Munde und auch ein Riesengeschäft. Trainer sowie Trainerinnen begleiten Einzelpersonen und Firmen, Bücher erscheinen fast schon im Wochenrhythmus. Die Grundlagen für die Achtsamkeit sind aber seit Jahrhunderten bekannt. Neu ist nur die Verpackung.
Text: Claudio Brentini | Fotos: Adobe Stock
«Just now is enough», das Hier und Jetzt genügt. Dies ist die Grundaussage des ZEN-Buddhismus. Im Hier und Jetzt zu leben, wertungsfrei, losgelöst vom Gestern und den Sorgen über das Morgen, das ist aber alles andere als einfach. Beruf und Alltag fordern viel, oft zu viel, wie sich deutlich zeigt. Immer mehr schaffen die Belastungen nicht mehr und jene, die aushalten, suchen nach Entspannung, nach Konzepten, die ihnen helfen, den Alltag in Beruf und Familie bewältigen zu können. Achtsamkeit ist dabei das neue Zauberwort und damit schliesst sich der Kreis zum ZEN-Buddhismus. Mittlerweile wurden Studien darüber verfasst, was passiert, wenn Arbeitnehmende mehrmals pro Tag anhalten, im Hier und Jetzt verweilen. Die Ergebnisse sowie die Antwort sind eindeutig: Viel, sehr viel sogar. Dabei mussten die Studienteilnehmenden «nur» bei sich verweilen durch Meditation, Gedankenspiele, Musik, Atemübungen, was auch immer half, abzuschalten und ganz bei sich anzukommen. Auch durch Fragen wie: «Wie geht es mir jetzt?» wurde die Ablenkung und der Druck durch das Aussen auf eine Konzentration auf das Innere gelenkt. Ganz bei sich sein, ohne Wertung, ohne Druck, natürlich einfacher gesagt als getan. Die Wirkung indes ist gross: mehr Gelassenheit, mehr Widerstandskraft, eine höhere Motivation, weniger Stressempfinden.
«Nur im Hier und Jetzt können wir Frieden finden.»
Ralph Marston
Das Gehirn muss Unmengen von Informationen verarbeiten, sehr viel mehr als noch vor 40 Jahren, und es wird immer mehr. Pausenlos denken wir an Aufgaben, Probleme und Herausforderungen, Termine und werden dabei vom Äusseren bestimmt. Anzuhalten, bei sich zu sein und dies auch auszuhalten, fällt immer schwerer und man müsste den anfangs zitierten ZEN-Satz ergänzen mit: Ich bin genug. Dieses Ich aber wertet und bewertet pausenlos, zusätzlich belastet durch das bereits Erlebte wie auch durch Hoffnung, Erwartung oder Angst auf das Morgen. Dabei ist nicht nur aus ZEN-buddhistischer Sicht mittlerweile klar, wie wertvoll das Jetzt ist. Wir kennen das: Wir sitzen in einem Gespräch, das Gegenüber schaut dauernd auf das Handy, ist unruhig, weil weitere Termine warten, ist eigentlich gar nicht da, nicht präsent. Für beide keine befriedigende Situation, weder für ein Personalgespräch noch für eine Sitzung oder Aussprache. Doch wie viele von uns sind genau jene, die vom Handy, von Terminen, von Erwartungen und vielem mehr diktiert werden? Oder zumindest glauben, dadurch bestimmt zu werden? Die überfüllten Kliniken mit all den Burn-out-Patientinnen und -Patienten beweisen, es sind viele. Zu lernen, im Hier und Jetzt zu leben, ist also keine esoterische Spinnerei, sondern schlicht und ergreifend ein Ansatz, der hilft, die enorme Belastung der heutigen Arbeitswelt sowie der privaten Situation zu bewältigen. Genau deswegen ist dieser Ansatz heute so aktuell.
Das Konzept ist also einfach, doch warum fällt es vielen so schwer, achtsam im Hier und Jetzt zu leben? Die Antwort ist einfach: Ablenkung. Diese ist aber oft auch eine Ausrede. In einem Führungskurs mit dem Thema Work-Life-Balance fanden die Führungskräfte einer Ingenieursfirma viele Ausreden, warum Achtsamkeit für sie im Arbeitsalltag nicht möglich sei. Bis dann der CEO erzählte, er habe es umgesetzt und seinen Tag so eingerichtet, dass er zweimal zehn Minuten achtsam in sich gehe, mit spürbar positiven Folgen. Dieser CEO hätte sicher auch viele Ausreden finden können, es nicht zu tun, aber zweimal am Tag ist er nun nicht erreichbar, weder für Sitzungen noch für Telefonate oder Gespräche, sondern für Atemübungen und einfachen Fragen, welche er jeweils durchgeht, Fragen wie: «Was fühle ich jetzt in diesem Moment?» «Bin ich gestresst und wenn ja, warum?» «Wie atme ich? Ruhig oder hektisch?» «Kann ich mich entspannen?» Diese Fragen sowie die Konzentration auf sich selbst würden ihm enorm helfen, den Tag gelassener anzugehen, erzählte der CEO schliesslich. Ist es also wirklich so einfach? Nein. Einfach ist es nicht, denn wie jede Veränderung braucht auch diese Zeit und Disziplin. Und es muss längst nicht bei zweimal anhalten pro Tag bleiben. Durch weitere Übungen wie Meditationen, achtsames Bewegen, Auszeiten in der Natur, Rituale für die gemeinsamen Mahlzeiten und mehr kann ein neues Lebensgefühl entstehen. Vergleichbar mit einer Diät sind die Verführungen, den Weg abzubrechen, aber gross.
Das Konzept, achtsam zu leben im Hier und Jetzt, den Moment sowie sich selbst wahrzunehmen, ist also nicht neu, im Gegenteil, was beweist, wie wichtig dieser Ansatz ist. Vor allem aber ist es eine Grundlage, um das Heute zu bewältigen, diese Zeit, in der Informationen ohne Ende auf uns einprasseln, Entscheidungen im Sekundentakt anstehen, Aufgaben und Herausforderungen zu Überforderungen führen können. Im Heute, im Hier und Jetzt zu leben, bedeutet auch, das Vergangene loszulassen und das Morgen einfach Morgen sein zu lassen. Natürlich gelingt das nicht immer, nicht in unserer hektischen Zeit, nicht wenn Sorgen und Ängste uns plagen. Vieles aber hängt von der eigenen Wertung ab. Dieses Loslassen ist äusserst hilfreich und Achtsamkeit kann genau dabei helfen. Anhalten, sich bewusst werden ist keine Zeitverschwendung, sondern setzt den ebenfalls sehr alten, in Klöstern verwendete Satz «mens sana in corpore sano», also «gesunder Geist in einem gesunden Körper», um. Mittlerweile ist auch neurologisch bewiesen, wie wichtig Pausen sowie ruhige Phasen für das Gehirn sind, zudem gewinnen die meisten Situationen, wenn man vollkommen präsent sein kann, ohne Ablenkung, ohne Irritationen. Alles gute Gründe, Achtsamkeit zu üben, zu trainieren, genauso wie den Körper. Das geht nur im Heute, denn «es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist gestern, der andere morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist», wie der Dalai Lama erklärte.