Wellness – das klingt nach warmem Wasser, duftendem Öl, flauschigen Bademänteln und einer Sauna mit Blick auf die Berge, nach einer Massage, einem Kräuterbad oder Wochenende im Spa. Doch vielleicht beginnt echtes Wohlbefinden ganz woanders: bei der Frage, was wir brauchen, um wieder bei uns selbst anzukommen.
Text: Claudio Brentini | Fotos: Adobe Stock
Wann haben wir uns eigentlich daran gewöhnt, sogar unsere Erholung zu planen? Der Kalender ist voll, der Kopf ist müde, die Woche war anstrengend. Also buchen wir ein Wellnesswochenende. Ein Hotel mit Spa, Pool und Dampfbad soll richten, was die vergangenen Wochen, Monate angerichtet haben. Für ein paar Stunden wird entspannt, abgeschaltet und durchgeatmet. Dann geht es wieder nach Hause – und alles beginnt von vorne. Natürlich kann eine Massage wunderbar sein, warmes Wasser entspannen, ein Saunagang guttun. Wellness darf genussvoll sein. Aber vielleicht ist es an der Zeit, den Begriff etwas weiter zu fassen. Denn Wohlbefinden lässt sich nicht einfach für ein Wochenende buchen.
Manchmal ist Wellness ein Spaziergang ohne Ziel. Ein Kaffee am Morgen, den man nicht hastig zwischen zwei Terminen hinunterstürzt. Ein Buch, das seit Monaten auf dem Nachttisch liegt. Musik, die einen für ein paar Minuten aus dem Alltag holt. Ein Gespräch mit einem Menschen, bei dem man nicht funktionieren muss. Und manchmal ist Wellness auch, etwas nicht zu tun. Eine Einladung abzulehnen. Einen Termin nicht anzunehmen. Das Handy auszuschalten. Einen Abend freizuhalten, obwohl der Kalender noch Platz für Aktivitäten hätte. Einfach einmal nichts leisten zu müssen. Die wohl schwierigste Übung besteht dabei, Nein zu sagen. Damit wird Wellness zu einer persönlichen Frage: Was gibt mir Energie – und was nimmt sie mir? Die Antwort darauf ist bei jedem Menschen anders. Wer sich wirklich etwas Gutes tun möchte, muss deshalb nicht zuerst herausfinden, welches Wellnesshotel das schönste ist, das ist dann nur noch eine willkommene Zugabe, sondern sich selbst ein wenig besser kennenlernen.
Unser Körper ist dabei ein erstaunlich guter Ratgeber. Er meldet sich, wenn wir zu wenig schlafen. Er wird unruhig, wenn wir zu lange unter Druck stehen. Er wird schwer, wenn die Energie fehlt. Nur haben wir uns angewöhnt, diese Signale zu überhören. Noch schnell eine E-Mail. Noch dieser eine Termin. Noch kurz einkaufen, etwas erledigen. Es gibt immer einen guten Grund, die eigene Pause auf später zu verschieben. Das Problem ist nur: Später kommt oft nicht. Der nächste Termin wartet bereits. Die nächste Woche wird kaum ruhiger. Und irgendwann merken wir, dass wir zwar ständig etwas getan haben, aber lange nicht mehr richtig bei uns selbst angekommen sind. Wellness könnte deshalb auch bedeuten, wieder genauer hinzuhören. Nicht erst dann, wenn der Körper laut wird oder die Batterien leer sind.
In unserer Leistungsgesellschaft hat Erholung manchmal einen merkwürdigen Beigeschmack. Wir sind stolz darauf, viel zu leisten, wenig zu schlafen und ständig beschäftigt zu sein. «Keine Zeit» klingt fast wie ein Kompliment und in den Führungsetagen kann man erst nach zwei Burnouts mitreden. Dabei braucht der Mensch Pausen. Nicht als Belohnung dafür, dass alles erledigt ist – sondern als Bestandteil eines guten, gesunden Lebens. Erholung bedeutet dabei nicht zwingend, stillzusitzen. Auch Bewegung kann Erholung sein. Entscheidend ist nicht, ob wir uns bewegen oder ausruhen. Entscheidend ist, wie wir uns danach fühlen.
Vielleicht gehört das Nichtstun zu den unterschätztesten Formen der Erholung. Wir haben gelernt, jede freie Minute zu füllen. Wenn wir warten, schauen wir aufs Handy. Wenn wir im Zug sitzen, beantworten wir Nachrichten. Wenn wir spazieren gehen, hören wir Podcasts. Selbst beim Einschlafen läuft noch irgendetwas. Dabei kann Leere wohltuend sein und ist ein Muss für die Erholung unseres Gehirns. Momente, in denen Gedanken kommen und wieder verschwinden dürfen, ohne sie sofort lösen zu müssen, wirken unspektakulär. Gerade deshalb sind sie wertvoll. Sie geben dem Kopf Gelegenheit, nicht ständig agieren und reagieren zu müssen. Wellness könnte deshalb auch bedeuten, Langeweile auszuhalten – oder diese gar zu schätzen.
Wohlbefinden lässt sich ohnehin nicht auf einen einzelnen Bereich reduzieren. Körper und Gefühle sind miteinander verbunden. Wer dauerhaft schlecht schläft, kann sich nicht einfach mit einer Massage «reparieren». Wer ständig unter Druck steht, braucht vielleicht nicht noch ein weiteres Entspannungsprogramm, sondern weniger Druck. Ganzheitliches Wellnessdenken beginnt deshalb bei mehreren einfachen Fragen: Wie schlafe ich? Wie ernähre ich mich? Bewege ich mich genügend? Habe ich Menschen um mich, die mir guttun? Habe ich Zeit für mich? Gibt es Dinge, die mir Freude bereiten? Kann ich abschalten? Und wann habe ich zuletzt etwas gemacht, ohne dass es einen Zweck erfüllen musste?
Wellness sollte aber nicht zu einer weiteren Aufgabe werden, die wir perfekt erledigen müssen. Nicht noch eine To-do-Liste mit «20 Minuten Meditation», «10 000 Schritte», «zwei Liter Wasser» und «jeden Abend Digital Detox». Auch das kann Stress erzeugen. Wellness bedeutet vielmehr, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen – ohne daraus ein neues Leistungsprojekt zu machen. Sonst besteht die Gefahr, dass auch Wellness irgendwann zu einer weiteren Form der Selbstoptimierung wird. Plötzlich gibt es Regeln für den perfekten Schlaf, Trainingspläne für den perfekten Körper und Programme für die perfekte Entspannung. Wir meditieren, weil wir entspannter werden müssen. Wir gehen laufen, weil wir unsere Fitness verbessern sollten. Wir trinken den grünen Smoothie, weil ein gesunder Mensch das eben tut. Und schon haben wir aus der Erholung eine neue Aufgabe gemacht. Wellness sollte kein Wettbewerb mit uns selbst sein. Niemand muss perfekt entspannen. Niemand muss jeden Tag optimal für Körper und Geist sorgen. Vielleicht reicht es manchmal, sich einzugestehen, dass heute einfach kein guter Tag war. Und morgen neu anzufangen.
«Wellness sollte
kein Wettbewerb mit uns
selbst sein.»
Die grosse Auszeit ist schön. Ein verlängertes Wochenende am See, Ferien am Meer oder ein Tag im Spa können Körper und Kopf wunderbar entspannen. Doch nachhaltiges Wohlbefinden entsteht selten allein durch einzelne Höhepunkte. Es sind die kleinen Inseln im Alltag, die den Unterschied machen können. Wir müssen nicht immer aus unserem Leben aussteigen, um uns darin wieder wohlzufühlen. Es reicht auch, den Alltag etwas anders zu gestalten. Darum gibt es kein allgemeingültiges Wellness-Rezept. Es gibt keine perfekte Temperatur für die Sauna, keine ideale Dauer für eine Massage und auch nicht die eine Methode, die garantiert zur inneren Balance führt. Wellness ist persönlich. Für den einen ist es das frühe Aufstehen und die Ruhe am See. Für die andere ein Abend mit Freunden und einem langen Essen. Manche Menschen finden sich beim Meditieren, andere beim Kochen, Musizieren oder Handwerken. Die entscheidende Frage lautet: Was brauche ich? Und vielleicht verändert sich die Antwort mit den Jahren. Was uns mit 25 Energie gegeben hat, kann uns mit 45 anstrengen. Was früher Abenteuer bedeutete, kann heute Stress sein. Und manchmal entdecken wir erst, dass wir Erholung brauchen, wenn wir längst erschöpft sind.
Wellness wird interessant, wenn es nicht mehr nur um die nächste Massage oder den nächsten Spa-Aufenthalt geht. Wenn es zu einer Haltung wird. Zu der bewussten Entscheidung, sich selbst nicht immer an die letzte Stelle zu setzen. Das bedeutet nicht, egoistisch zu werden. Es bedeutet auch nicht, ständig nur das Angenehme zu suchen. Ein gutes Leben besteht selbstverständlich auch aus Arbeit, Verantwortung, Herausforderungen und Verpflichtungen. Aber dazwischen braucht es Räume zum Durchatmen, zum Schlafen, zum Denken, zum Lachen, zum Reden, zum Schweigen, zum Nichtstun. Vielleicht ist genau das die modernste Form von Wellness: nicht möglichst viel für sich zu tun, sondern herauszufinden, was wirklich guttut. Und dann den Mut zu haben, diesem Guten im eigenen Leben auch Platz zu geben. Denn am Ende geht es bei Wellness nicht darum, wie lange wir in warmem Wasser liegen können, sondern darum, wie wir mit unserem Leben umgehen. Und zwar nicht morgen oder übermorgen, nein, hier und heute.