Noah di Bettschen

Seine Droge ist das Malen

Noah di Bettschen mischt mit seinem unverbildeten, eigenwilligen Malstil auf zerrissenen Leinwänden die Kunstszene auf und polarisiert. Die Biografie des erst 24-Jährigen gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt, die sich aber als Katalysator für seine Kreativität erweist.

Text: Ursula Burgherr   |   Fotos: zvg

Ein Schritt über die Schwelle des Zürcher Ateliers von Noah di Bettschen und die laute Welt draussen verstummt zu einem fernen Raunen. Hier drinnen, im hohen fensterlosen Raum, der aus diffusem Licht und ungeborenen Ideen gewebt ist, herrscht eine andere Chronologie. Es ist ein Ort der absoluten Isolation, der doch von einer dichten Präsenz erfüllt scheint. Wer diesen Raum betritt, blickt nicht nur auf ein Durcheinander von Malutensilien – er blickt auch direkt in die Seele des Künstlers. An den Wänden hängen grossformatige, auf zerrissene Leinwände gemalte Bilder, die sowohl verstörend als auch zutiefst poetisch wirken. Traumhafte, oft irrationale Szenen sind zu sehen, skurrile Figuren und Fabelwesen und immer wieder der Künstler mit dem Engelsgesicht im Selbstporträt. Schier unerschöpflich ist die Entdeckungsreise, auf die der 24-jährige Maler die Betrachtenden mit seinen detailreichen neoexpressiv-surrealistischen Werken schickt. 

Kreativität gegen Einsamkeit

Auf einem Exponat sticht ein Mann ins Auge, der gitarrenspielend auf einem Mohnblumenfeld sitzt. Doch die Flowerpower-Idylle trügt. Aus dem Milchsaft der Pflanzen wird das halbsynthetische Opioid Heroin gewonnen. Der Mann ist der Vater von Noah di Bettschen und war schwer drogenabhängig. Er überlebte den Platzspitz, den Letten und zwei Überdosierungen. Gerade als er auf einem guten Weg war, clean zu werden, verunfallte er tödlich. Und zwar ausgerechnet, als er seinen Geburtstag und einen Neustart ins Leben feiern wollte. Noah war damals ein fünfjähriger Knirps. Die schmerzhafte emotionale Erfahrung des Verlusts und eine tiefe existenzielle Einsamkeit begleitete ihn durch die ganze Kindheit und Jugend hinweg. Immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen, setzt er sich seitdem intensiv mit seinen Gedanken, Träumen, Ängsten und den Absurditäten des Lebens auseinander. Heute liefert ihm das den tiefgründigsten Rohstoff für seine Kunst. 

Malen als Ventil

Zu malen fing Noah di Bettschen erst vor fünf Jahren an. «Anfänglich schrieb ich meine Gedan­ken in Worte auf – oft um meinen inneren Ballast loszuwerden. Dann entstanden in meinem Kopf Bilder, die ich mit Pinsel und Ölfarbe auf die zerrissenen Leinwände malte», sagt er zum Start in sein Malerleben. Sein erstes Bild verkaufte er im Oktober 2021 an einer Ausstellung in Zürich. Das Motiv war ein Graureiher mit dem Zitat «Du spürst mehr, als zu sehen ist». «Für mich war das eine ­Liebeserklärung an die Kunst, die mich seither nicht mehr losgelassen hat», sagt Noah di Bettschen. Und er setzte alles auf eine Karte. Die unfiltrierte Originalität des Autodidakten polarisierte. «Zu persönlich, zu wild, zu düster» fanden die einen. Andere feierten den Jung-Maler als eine Art «neuer Basquiat» und sagten ihm eine grosse Karriere voraus. Die Medien stürzten sich geradezu auf ihn. Immer wieder waren Berichte über den jungen Künstler mit der tragischen Familiengeschichte zu lesen oder im Fernsehen zu sehen. In kürzester Zeit entstand ein regelrechter Hype um Noah di Bettschen. Er konnte seine Bilder in ganz Europa und den USA ausstellen und Sammler fingen an, seine Werke zu kaufen. Mit 21 war er bereits eine Art Star. Und verkündete in einem Interview grossspurig: «Ich will der grösste zeitgenössische Künstler werden.» Darauf angesprochen meint er: «Ich hatte das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Aber diese Phase war schnell vorbei. Heute bin ich lieber im Hintergrund und lasse meine Kunst für mich sprechen.» So ganz gelingen wird ihm das mit seinem markanten Erscheinungsbild wohl nie. Sein hübsches Antlitz, das von langen Locken umrahmt ist, kontrastiert mit seinem muskulösen durchtrainierten Körper. Fast alle Finger sind mit grossen Ringen bestückt. Er trägt gerne Hüte, die er mit Pfauenfedern schmückt. Und überall blitzen Tattoos hervor. Auf seinem Hals prangt ein riesiger Schmetterling. Genauso exzessiv, wie er sich über einige Jahre Motive in die Haut stechen liess, widmete er sich später seiner neuen Leidenschaft – der Malerei. Sechs bis zehn Stunden malt er täglich wie ein Besessener. Dann wird seine Hand zum reinen Werkzeug seiner Intuition. Angst vor der leeren Fläche kennt er nicht. Die Motive sprudeln im Überfluss aus ihm heraus. «Ich muss mich oft zwingen, den Pinsel aus der Hand zu legen», gesteht er. Dass er in der Öffentlichkeit optisch auffällt, kümmert ihn kaum. Er habe sich schon als Primarschüler selbst einen Irokesen-Schnitt verpasst und die Haare grün gefärbt, erzählt er und muss lachen. 

Einer wie kein anderer

Zwei Lehren brach Noah di Bettschen als Halbwüchsiger nach der Probezeit ab. Lieber stand er auf seinem Skateboard und schaffte es damit an einigen Schweizer Wettbewerben sogar bis aufs Podest. «Wenn mich etwas nicht interessiert, bin ich ein sturer Hund», gibt er zu. Auf Kosten des Staats zu existieren, wollte er allerdings auch nicht. «Ich stamme aus bescheidenen Verhältnissen und hatte immer einen starken Drang, selbstbestimmt zu leben», betont er. Dass er die Malerei als seine Berufung entdeckte, war sein grosses Glück. Vorbilder gab es keine. Der junge Kreative folgt seit jeher ausschliesslich seiner eigenen Vision abseits etablierter Formen und Strömungen. Zu seinen Idolen zählen eher Filmregisseure wie Quentin Tarantino oder die Musiker David Gilmour von Pink Floyd und Bob Dylan. «Ich finde sie inspirierend, weil sie hundertprozentig authentisch sind und etwas Einzigartiges erschaffen haben», meint er dazu. Einer Karriere als Musiker wäre er nicht abgeneigt gewesen. Sein Vater sei sehr gut auf der Gitarre gewesen und er habe vor drei Jahren selbst damit angefangen. Jetzt übt er neben dem Malen jeden Tag zwei bis drei Stunden auf dem Instrument. Auch hier hängt er sich wieder voll rein. Ganz oder gar nicht, ist die Devise von Noah di Bettschen. 

Gegen die Kälte der Welt

Zurück im Atelier: Das neueste Bild des Senkrechtstarters in der zeitgenössischen Kunstszene zeigt Obdachlose. Von 2022 bis 23 lebte er in Los Angeles und drehte einen Dokumentarfilm über Menschen, die auf der Strasse leben. «Ganze Quartiere sind voll davon. Und die Betroffenen sind längst nicht nur suchterkrankte Menschen, sondern auch Leute, die ganz normal ihren Jobs nachgehen und sich aus Armut trotzdem keine Wohnung leisten können», bekundet er. Der sensible Künstler, der in seiner Jugend selbst mit Depressionen und Alkoholmissbrauch kämpfte, fühlt sich seit jeher zu marginalisierten Gruppen hingezogen. Er beanstandet den Mangel an Empathie in einer Gesellschaft, die nur noch in ökonomischen Werten wie Nutzen, Profit und Effizienz denkt. «Alles, was keinen direkten finanziellen Wert hat – wie die Natur, die Kunst oder das Zwischenmenschliche – wird an den Rand gedrängt», führt er an. Die meisten seiner Werke haben deshalb auch eine gesellschaftskritische Botschaft. Auf «Master of Puppets» zieht ein Puppenspieler mit teuflischem Blick an Hunderten von ­Fäden, an denen Menschen wie Marionetten hängen. Donald Trump ist wie Jesus an ein ­Kruzifix genagelt, das aus lauter Dollarnoten besteht. «Was mich an seiner Person fasziniert, ist nicht das politische Chaos, das er anrichtet. Sondern seine bodenlose Gier nach immer mehr Ruhm, Geld und Macht. ­Warum haben einige Menschen diesen inneren Trieb und andere überhaupt nicht?», fragt er sich. Auch er zählt sich – auf ganz andere Art – zu den Getriebenen. Dass er seine innere Unruhe durch seine Malerei und neu mit der Musik kanalisieren kann, hat ihn selbst vor dem Absturz bewahrt. Ein Ruhepol ist seine wunderschöne Freundin Anais Decan, die ebenfalls als Kunst­malerin arbeitet. Kennengelernt haben sich die beiden anlässlich einer seiner Ausstellungen in Paris. Seit drei Jahren leben sie zusammen in Zürich. «Sie ist meine Seelenverwandte und meine beste und einzige Freundin», sagt er aus tiefstem Herzen. Immer wieder ist auch sie – feengleich dargestellt – auf seinen Exponaten zu sehen. 

Hundertprozentig authentisch

Im November 2025 realisierte Noah di Bettschen seine Einzelausstellung «The Black Swan» im Puls 5 in Zürich in absoluter Eigenregie. Zur Vernissage kamen über 500 Besucherinnen und Besucher. Für seine Exponate werden mittlerweile fünfstellige Summen bezahlt. Er hat innert kurzer Zeit geschafft, was viele Kreative ein ganzes Leben lang nicht erreichen und kann von seiner Kunst gut leben. Dem Alkohol und jeglichen anderen Substanzen, mit denen er als Jugendlicher herumexperimentierte, hat er abgeschworen. Seine Droge ist heute die Malerei und sie soll es auch bleiben. Seit Kurzem gestaltet er auch bizarre Menschen-Skulpturen aus Ton. Wo sieht er sich in Zukunft? «In einer grossen Fabrikhalle, wo ich meine Kunst weitertreiben und in neue Projekte mit Musik, ­Poesie und Film verschmelzen lassen kann. Und vielleicht auch anderen Leuten einen Atelieraufenthalt bieten kann, die im Kunstbereich Fuss fassen wollen, sich aber erst noch selbst finden müssen.» In diesem Zusammenhang erinnert er sich an eine Episode in der Primarschule. Als ihn die Lehrerin fragte, was er einmal werden wolle, antwortete Noah spontan und wie aus der Pistole geschossen: «Mich selber.» Das hat er – ­zumindest wie es zurzeit den Eindruck macht – geschafft. Sein Aufstieg war kometenhaft. Und man darf sehr gespannt sein, ob sein Stern weiterhin so hell und beständig am Kunsthimmel leuchten wird. Ab dem 19. November bis Ende ­Dezember 2026 zeigt Noah di Bettschen im Rathaus Sursee seine neuesten Exponate in einer ­Einzelausstellung. Zudem arbeitet er mit dem ­Wiener Verlag für moderne Kunst (VFMK) an ­seinem ersten englischsprachigen Buch.