Vom Accessoire zum Statement: Wie Schnallen, Leder und raffinierte Details die Silhouette neu definieren.
Text: Andrea I. Müller | Fotos: Unsplash/zuelleshop
Er verschwand still. Irgendwann zwischen Athleisure-Welle und Oversized-Silhouette rutschte der Gürtel vom Hüftbund ins Vergessen. Doch wer glaubte, dieses älteste aller Accessoires habe ausgedient, wird gerade eines Besseren belehrt.
Der grosse Unterschied zur letzten Hochphase: Heute trägt man den Gürtel bewusst. Er ist kein funktionales Beiwerk, sondern gestalterisches Mittel. Wer ihn über einen taillierten Blazer schlingt, einen Trenchcoat damit bändigt oder einen schlichten Leinenanzug damit bricht, signalisiert: Ich weiss, was ich tue. Das ist der neue Luxus – Intention statt Zufall.
Breit ist das neue Slim. Ledergürtel ab vier Zentimetern Breite dominieren aktuell die Schauen von Bottega Veneta bis Totême. Sie formen die Taille, setzen Proportionen und erinnern dabei ein wenig an die Siebziger – ohne nostalgisch zu wirken. Der Corset-Gürtel, einst nur auf dem Laufsteg, ist längst im Alltag angekommen: über Kleidern, Hemden, sogar Strickpullovern.
«Der Gürtel ist das ehrlichste Accessoire – er kann weder lügen noch verstecken, wo die Taille sitzt.»
Frauen setzen auf zwei Extreme: maximal schmal oder betont breit. Der Minigürtel – kaum einen Zentimeter breit, in feinem Nappa oder Lack – schwingt sich durch die kleinen Schlaufen einer High-Waist-Hose und flüstert Eleganz. Sein Gegenstück, der Sculptural Belt, ist skulptural, strukturiert, manchmal mit Schnallendetails besetzt, die fast schon architektonisch wirken.
Bei den Schnallen heisst das Motto: weniger Glanz, mehr Form. Matte Rechteckschnallen aus gebürstetem Messing oder Silber setzen sich durch. Der Cowboy-Einfluss – ovale Schnallen, Prägelederbänder – hält an, verliert aber die folkloristische Schwere. Feines gepresstes Leder, dezente Stickerei, Naturfarben von Sand bis dunklem Cognac: Das sind die Töne der Saison.
Der Herrengürtel erlebt eine stille, überzeugende Renaissance. Weg vom pflegeleichten Kunstleder, das jahrelang die Herrenabteilungen dominierte. Vollnarben-Rindleder mit sichtbarer Maserung, handgenähter Kante, altgoldener Dornschnalle – das ist, was den Kenner begeistert. Stil-Ikonen wie Paul Newman hätten heute noch recht: Ein guter Gürtel hält ein Leben lang und verbessert sich dabei.
Markengürtel mit prahlerischem Doppel-G oder aufgestickten Initialen verlieren Terrain. Wer auffallen will, tut es subtil: durch besonderes Leder, eine originelle Schnallenform oder einen unerwarteten Ton – Olivgrün, gebranntes Siena, tiefes Pflaume. Zur schlanken Denim oder zur ungefütterten Leinenhose getragen, ist der schlichte Ledergürtel die überzeugendste aller Aussagen.
Logo-Gürtel ohne Ironie: out. Der dünne Plastikgürtel, der im Hosenkauf inbegriffen war: erledigt. Und der auf Schulterhöhe getragene Festival-Hüftgürtel aus der Nuller-Ära: bitte noch eine Weile im Regal lassen.
Ledergürtel aus der Schweiz