Geht es darum, das Werk des 1972 geborenen und in Klosters lebenden Bildhauers Christian Bolt zu beschreiben, sieht man sich alsbald mit folgenden Fragen konfrontiert:

«Was können Bildhauerei und Malerei heutzutage sein?» Vor allem aber und darüber hinaus: «Was wollen die Bildhauerei und die Malerei in unseren heutigen, dem Diktat der Geschwindigkeit und der Kurzlebigkeit unterworfenen Tagen noch sein?» Und weiter: «Was können die Malerei und die Bildhauerei und damit die bildenden Künste im Allgemeinen heute noch leisten, und was wollen und können sie zum aktuellen gesellschaftlichen Diskurs beitragen?» Die vorangestellten Fragen sind derlei Natur, dass die Antworten im Rahmen unserer aktuellen zeitgeistlichen Voraussetzungen relativ einfach zu beantworten sind: Wir wissen es nicht so genau. Wahrscheinlich ist es auch, dass der derzeitige Kunstbetrieb und der damit verbundene Markt es «nicht so genau wissen». Und es eigentlich auch nicht so genau wissen wollen. Die in den 70er-Jahren beginnende Unschärfe in den Geisteswissenschaften und in der Kunst legen uns den Schluss nahe: Was immer wir wollen und was immer wir sagen wollen: Es muss von allem ein bisschen sein. Auf keinen Fall aber darf das, was wir sagen, die Grundlage zu einer eindeutigen inhaltlichen, politischen, sozialen oder religiösen Interpretation liefern. Denn das, was wir in der Kunst und mit der Kunst sagen, soll Freiraum eröffnen und soll und darf somit nicht Grundlage für den vermeintlichen Zwang der in ihrem Inhalt eindeutigen und klaren Aussage sein. Wir kritisieren – aber nicht radikal. Wir schlagen vor – aber nur das Ungefähre. Wir gestalten – aber nur im Sinne des möglichen kreativen Aktes der Gestaltung.

«Individuals»

 

Verlust und Rückgewinn des Motivs in der Tradition

In der Summe soll die Interpretation der Kunst möglichst frei sein von jeglicher eindeutigen Aussage. Die Konsequenz dieser Haltung wird schnell klar: Wir haben den Kern dessen, was Kunst eigentlich sein kann, aufgegeben: Das Motiv. Das Motiv wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts je nach aktueller oder vielmehr akuter zeitgeistlicher Verfassung ebenso laut schreiend und fordernd wie zuweilen stillschweigend sukzessive durch den vielsagenden und geheimnisvollen Begriff der intellektuell und handwerklich zusehends weniger fundierten Abstraktion ersetzt. Es liegt uns hier fern, die Methode der mehr oder minder absoluten Abstraktion als «degressiv» zu bezeichnen. Dennoch aber gilt es zu beachten, dass die neuen Freiheiten der Abstraktion in Form und Inhalt stets auch die Risiken einer gewissen Inhaltslosigkeit und Gestaltlosigkeit bzw. die Risiken der eingangs erwähnten «Unschärfe» im Umgang mit Inhalten jeglicher Couleur bergen.

Ebendieser oben diskutierten Unschärfe wirkt das Werk von Christian Bolt im motivischen wie auch im handwerklichen Sinne entgegen.

«Development», 180x50x32cm, 3- teilig, Eiche/Chromstahl, 2018.

«construction humaine»

 

Die kommunikative Funktion der Motivik

Denn Bolt ist sich der künstlerischen und kommunikativen Funktion des Motives seit jeher bewusst: Die Basis eines jeden künstlerischen Schaffens kann und soll einzig die Frage nach dem Menschen sein: Die Frage nach dem Menschen in seinem Dasein als Individuum und damit als Liebender, als Zweifelnder, als Hassender, als Ängstlicher, als Hoffender, als Schaffender. Gedanklich und motivisch eng mit der Frage des Menschen in seinem Sein als Individuum verknüpft ist wiederum die Frage nach dem Menschen als gesellschaftliches und politisches Wesen. Im Bewusstsein um die motivische Tradition des künstlerischen Schaffens und der künstlerischen Motivik in der europäischen Kunstgeschichte ist es Christian Bolt ein zentrales Anliegen, die Analyse des Menschen und damit die Kritik des Menschseins im Sinne einer beständig fortschreitenden Archäologie des Menschlichen zu skizzieren und in eine über den aktuellen Zeitgeist hinaus tragfähige künstlerische Metapher des individuellen und gesellschaftlichen Menschseins zu transformieren.

Bilder von Christian Bolt

 

Tradition und diskursive Erkenntnis im künstlerischen Handeln

Bolt bedient sich hierzu in meisterhafter Weise der grossen Tradition der Bildhauerei und der Malerei, ohne dabei jemals den notwendigen Blick über ebendiese Tradition hinaus zu verlieren. In einem beständigen, konzentrierten und gekonnten Wechselspiel von Figuration und Abstraktion entwickelt Christian Bolt einen stets poetisch gefassten skulpturalen, zeichnerischen und malerischen Diskurs über die Entwicklung und die Befindlichkeit des Menschen und der menschlichen Gesellschaft. 

Ziel dieses Diskurses sind nicht etwa allein die Ästhetik der Form und die implizite Perfektion des Handwerkes, sondern vielmehr der Wille nach künstlerischer und gesellschaftlicher Erkenntnis wie auch die eindeutige und verständliche Botschaft an den Betrachter. Sei diese Botschaft nun kritisch, liebend, hoffend, fürchtend oder auch zweifelnd.

«la tète», 25x11x11cm, Unikat, 2012.

 

Annäherung und Formulierung als Prozess der Eindeutigkeit in Form und Inhalt

Dieser Akt des diskursiven künstlerischen und gedanklichen Forschens schlägt sich denn auch in Bolts Zeichnung, in seiner skulpturalen Sprache sowie in seiner Malerei sichtbar nieder: Sind es in der Zeichnung und in der Malerei vorerst undeutlich formulierte und dennoch immer im kompositorischen Zentrum angelegte, vehemente und energetische Strichfolgen, die zunehmend an Gestalt gewinnen, entwickelt sich das skulpturale Motiv stets aus der zurückhaltenden, nur rudimentär behauenen oder nur im Ansatz plastisch geformten Annährung an das gegebene Material und die damit verknüpfte Motivik. In dieser Manier forschend und gleichsam gestaltend voranschreitend entwickelt Bolt im inhaltlich und handwerklich diskursiven Prozess mit Material und Inhalt in seiner ureigenen Bild- und Formensprache wirkungsmächtige künstlerische Aphorismen über das menschliche Dasein und die Entwicklung des Menschlichen in seiner Geschichte und über seine Geschichte hinaus. Auf diese Weise sowie in Rückbesinnung auf die figurative Relevanz des Motives und seines eindeutigen Gehaltes in der Kunstgeschichte präsentiert uns Christian Bolt seine Poesie der Form, die sich ebenso als sprachlicher, gedanklicher und ästhetischer Raum der diskursiven Freiheit wie auch als nach wie vor verständliche Metapher der grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz offenbart.