Es ist ein Frühsommer-Nachmittag im The Dolder Grand. In der Lobby des Zürcher Luxushotels geht zwischen ausladenden Fauteuils und zeitgenössischer Kunst die Weisse Frau um. Dies gleich dutzendfach. Aber keine Panik, es handelt sich dabei nicht um eine übersinnliche sondern um eine modische Erscheinung. Assistentinnen zupfen grosse Roben an gesichtslosen weissen Schaufensterpuppen zurecht. Zur Cocktailstunde muss alles bereit sein für die Präsentation von «Fétiche», so heist Jean-Luc Amslers diesjährige Haute-Couture-Kollektion.

Jean-Luc Amsler bei seiner Show im Dolder Grand mit dem Hotel Dirketor Mark Jacob (r.).

Für den französischsprachigen Modedesigner mit familiären Wurzeln in Zürich und im Kanton Aargau ist der Auftritt  wie eine Reise zu seinen Anfängen. Vor über 20 Jahren, 1993 um genau zu sein, hat Jean-Luc Amsler seine erste Kollektion im alten Grand Hotel Dolder gezeigt. Möglich gemacht hatte es damals Gustav Zumsteg, der legendäre Zürcher Seidenfabrikant (Abraham), Couture-Zulieferer (Yves Saint Laurent, Balenciaga) und Gastronom (Kronenhalle). «Monsieur Zumsteg war mein beruflicher Pate», erinnert sich Amsler, der es sich in einem der Samtfeuteuils bequem gemacht hat. «Er mochte meine Arbeit. Er meinte er sehe etwas von Yves Saint Laurent in mir und würde alles tun, um mich in der Schweiz zu unterstützen.» Zwischendurch ist Amsler, obwohl während vieler Jahre in Paris ansässig immer mal wieder ins Dolder zurückgekehrt. «Ich habe eine nostalgische Verbundenheit mit diesem Haus. Es hat viel Charme hier oberhalb des Stadtzentrums von Zürich. Deshalb habe ich beschlossen, an diesem Ort in kleinem Rahmen meine neuen Kleider zu zeigen», fährt der Modedesigner fort.

Ein paar der edlen Design-Stücke im Dolder.

Amslers textile Visionen einfach als Kleider zu bezeichnen wird der Sache allerdings nicht gerecht. Im Dolder zieht ein Reptilleder-Bustier, kombiniert zu einem bodenlangen Tartan-Jupe die Aufmerksamkeit der eintrudelnden Gäste auf sich. Das Schottenkaro gibt’s auch zu einem Mantelabendkleid verarbeitet. In der Kollektion treffen viktorianische Elemente auf Gründerzeit-Stil und mischen sich mit einem Schuss Thierry Mugler, etwas Jean-Paul Gaultier und einer Prise Vivienne Westwood, die sich ihrerseits auch wiederholt dieser modehistorischen Referenzen bedienten. Die üppigen Hutkreationen dazu garantieren jederzeit Zutritt in Ascot. Amsler gesteht unverhohlen seine Liebe zum Theatralischen ein. Er wäre für das Kreative, Festliche und Fröhliche zuständig und seine Kreationen stünden für architektonisch strukturierten Glamour. Fürs Büro oder um mal schnell Einkaufen zu gehen ist keines der Outfits geeignet. Die Frau, die Amsler trägt muss einen Hang zur Exzentrik haben. Es gäbe genug Alltagsmode ab der Stange, lässt sich Jean-Luc Amsler zitieren. Deshalb hätte er vor sechs Jahren eine radikale Veränderung in seiner Arbeit beschlossen, nämlich sich bei der Haute Couture zu positionieren. Gelegentliche Ausflüge in die hohe Schneiderkunst hätte er schon immer gemacht. Diese speziellen Kreationen durfte er in der Schweizer Botschaft in Paris vorführen. Mit seinen VIP-Freundinnen Isabelle Adjani und Jerry Hall als Models. Die Inszenierungen wären jeweils beim Publikum sehr gut aufgenommen worden und hätten ihn ermutigt sich nun komplett in der obersten Luxus-Liga zu positionieren. Dabei richte er sich an richtige Frauen und überlasse den Jugendwahn anderen. Frauen mit Format würden super aussehen in Haute Couture. Für Amslers Kreationen auf Bestellung und nach Mass muss man mit etwa 7000 Franken rechnen und nach oben sind keine Grenzen gesetzt. «Meine Haute Couture soll nicht komplett unerschwinglich sein», erklärt der Modeschöpfer seinen Einstiegspreis.

Die Mode-Show war gut besucht.

Interessanterweise fiel Amslers Entscheid, nur noch ausgefallene Mode nach Mass anzubieten zusammen mit seiner Übersiedelung weg von der Couture-Hochburg Paris in die Westschweiz. «Ich wollte mich vom Zwang befreien, in Paris zeigen zu müssen, um in der Mode wahrgenommen zu werden», begründet er den geografischen Wechsel, der mit seiner Neuausrichtung einherging. Seit drei Jahren lebt der Franco-Schweizer in der Nähe von Montreux. Der Plan war, dort ein Atelier aufzubauen, Amsler musste aber feststellen, dass es sehr schwierig ist, hierzulande junge Fachkräfte im Bereich des Modehandwerks zu finden. An die Schweiz richtet er einen Appell, es Ländern wie Frankreich, England, aber auch dem kleinen Belgien gleichzutun, und das Modemetier ernsthaft zu fördern und zu unterstützen. Schliesslich hätten wir weltbekannte, hervorragende und innovative Textilfirmen im Land. Aber heute würden Figuren wie der passionierte Modemann Gustav Zumsteg fehlen. Er selbst arbeite viel mit Couture-Stoffen von Jakob Schlaepfer, fügt Amsler an. Verarbeitet würden diese nun aber in Barcelona, wo er die Handwerker gefunden und ein Atelier aufgebaut habe. «Ich pendle gern zwischen dem Genfersee und dem Mittelmeer, weil ich die Sonne, die Wärme und die Lebensfreude dort brauche», sagt der Couturier.

Jean-Luc Amsler mit einem seiner speziellen Deisgns.

Jean-Luc Amsler hat Anfang der 80er Jahre an der Esmod in Paris Design studiert. Es folgten Praktika beim Couturier Jean-Louis Scherrer und bei Courrèges. Sein Talent blieb nicht verborgen und schon bald zeichnete ihn der Verband des französischen Prêt-à-porter mit einem Förderpreis aus. Amsler bekam Design-Aufträge von Cartier und Dior Homme, aber auch von Industriefirmen wie Daewoo und Kia Motors. Daneben entwarf er regelmässig Modekollektionen für seine eigene Marke, die er in Europa, Russland und Asien zeigte. 2005 gewann er an der Beijing Fashion Week den Preis als bester Designer. «Ich kämpfe seit 25 Jahren für meine Marke», sagt Amsler und sein Elan ist ungebremst wenn er von seinen vielen Projekten spricht. Noch dieses Jahr soll es nach einem Unterbruch wieder ein Jean-Luc Amsler Parfum geben. Der «Jus» ist bereits fertig (er duftet holzig-ambriert). Am Flakon bringt der Designer noch den letzten Schliff an. Dann liess er den Namen «Swiss Monarchy» schützen, der ihm vor ein paar Jahren als augenzwinkerndes Leitthema für eine Modekollektion eingefallen war und aus dem nun ein ganzes Konzept für diverse Lifestyle-Kultprodukte entstehen soll. Doch als erstes reisen die «Fétiche»-Kreationen nach der Dolder-Präsentation für eine Veranstaltung nach Shanghai. «Mode ist eine Fantasmagorie, eine Illusion», sagt Jean-Luc Amsler bevor er sich unter die Dolder-Gäste mischt. «Sie ist auch eine Flucht. Es gibt so viele Probleme in der Welt, aber das Leben geht weiter. Wir können uns nicht nur mit der Krise, dem Stress und dem Terror befassen. Menschen sind keine Roboter. Wir brauchen Träume und Humor. Ich mache Mode für Frauen mit Humor.»

(Text: Marianne Eschbach. Photos: David Biedert)