«Der Mann muss im Anzug so gut aussehen, dass die Leute sagen er sehe gut aus und nicht fragen ob er gerade einen neuen Anzug gekauft hätte.»

 

Seesicht: Herr Roffler, es geht die Legende, Sie hätten bereits mit zarten 16 Jahren Ihre erste massgefertigte Hose gekauft. Wie sind Sie als Gymnasiast auf diese doch etwas elitäre Idee gekommen?

Reto Roffler: Die Legende stimmt. Was ich in den Geschäften sah, hat mir nicht gefallen. Ich wollte unbedingt Hosen nach meinem Gusto. Also versuchte ich, Sie bei einem Schneider nach meinem Entwurf umzusetzen.

Ist es gelungen?

Nein, es war eine grosse Enttäuschung. Ich wollte sie sehr schmal mit hohem Bund und bekam Bundfalten und zu weite Beine. Ich habe sie im Schrank weggesperrt und nie getragen.

Weshalb hatten Sie eine so genaue Vorstellung? Hatten Sie ein Vorbild? Das war ja zu Beginn der 70er Jahre...

Nein. Aber ich hatte seit meinem zehnten Lebensjahr meine Kleider selbst gekauft. Ich bekam von den Eltern einen Batzen. Das Geld habe ich zusammengespart, bis ich mir das kaufen konnte, was ich wollte. Meine Eltern liessen mich machen. Die gekauften Sachen habe ich zu Hause umgedreht und abgesteckt und meine Mutter gebeten die Hosen entsprechend enger zu nähen. Worauf sie meinte Bub, du bist wahnsinnig, du kannst doch nicht so enge Hosen tragen!


«Bis heute halte ich den Tschopen für das Kernstück der Kleidung. Eine gute Jacke passt immer und zu allem, ob zu Jeans oder zu einer schönen Hose.»

 

War Mode damals ein Traumberuf für Sie?

Ich habe jedenfalls immer mit der Schneiderei geliebäugelt. Bevor ich mich 1985 selbstständig machte habe ich bei Casablanca (Anm. d. Red. damals eine Kultboutique in Zürich) gearbeitet. Ich war dadurch sehr in der Modeszene drin und beschloss eines Tages, etwas für Männer zu machen. Ein Teil meines Umfeldes war begeistert von der Idee, die andere Hälfte hielt mich für verrückt. Aber ich hatte gute Schneider zur Hand. Mein erstes Geschäft war in der Zürcher Altstadt in der ersten Etage mit einer Tafel unten am Eingang.

Was war der erste Auftrag?

Ein Freund bestellte die Hose Nummer 1. Sie sass und er blieb Kunde. Die Idee der Hose, die ich als 16-Jähriger haben wollte ist mir nie aus dem Kopf gegangen und das war dann diese erste Hose für meinen ersten Kunden.

Wie lief das Geschäft an?

Nun, alle Schnurris von der Gasse, die beteuert hatten sie würden dann bei mir einkaufen, kamen nicht. Also aktivierte ich meine ehemaligen Schulkollegen, die inzwischen Karriere gemacht hatten. Dank ihnen und anderer Bekannter kam es dann relativ schnell in Schwung. Ich konnte ein Schneideratelier übernehmen, dessen Inhaber verstorben war und musste bald auch Aufträge an ein zweites Atelier vergeben. Die dachten zuerst das wird nie etwas und dann wurde ich ihr grösster Kunde.

Haben Sie Schneider gelernt?

Nein, ich schneidere nicht selbst. Ich bin Unternehmer und Designer. Ich habe mir das Handwerk selbst beigebracht und beibringen lassen. Ich habe zugeschaut, wie Schneider arbeiten. Ich berate meine Atelierkunden immer persönlich und stecke selbst ab. Die Leute denken, ich würde das an einen Assistenten delegieren und inzwischen eine Zigarre rauchen. Nichts dergleichen. Diese Arbeit mache ich bis heute selbst.

In Ihrem Atelier findet man neben Stoffballen und Anzügen in Arbeit auch ein paar andere Sachen. Stiefel zum Beispiel...

Ja, genau. Anfang der 80er-Jahre begann ich Westernboots nach Mass anfertigen zu lassen. Wieder hielten mich viele für nicht ganz dicht. Ich liess mich nicht beirren. Sie werden in Texas in einem Familienbetrieb hergestellt. Wir haben das richtig seriös aufgezogen mit Fünfpunkt-Messung, Trittschaumkiste und Musterskizzen. Man kann Stiefel nach ganz eigenen Vorstellungen bekommen. Die führe ich bis heute.

Sie selbst tragen Loafer ohne Socken...

Das sind «Belgian Shoes». Sie wurden vom amerikanischen Kaufhausbesitzer Henri Bendel lanciert. Filmstars wie Greta Garbo und Marilyn Monroe haben sie getragen. Andy Warhol war ein grosser Fan. Ich verkaufe sie seit 30 Jahren exklusiv für Kontinentaleuropa. In dieser Kiste hat es ungefähr 120 verschiedene Farben und Materialien drin. Man kann sie zusammenstellen wie man möchte. Ein Camouflage-Muster ist das neuste und wir haben auch original Schweizer Armeestoff. Einer meiner Mitarbeiter nähte früher Jacken für die Armee. «Belgian Shoes» werden wie es der Name sagt in einer kleinen Manufaktur in Belgien komplett von Hand hergestellt. Ich biete sie für Männer und Frauen an. Frauen finden sie sofort toll, bei Männern braucht es etwas Zeit. Das liegt vermutlich an der Lederquaste als Dekor. Aber wenn Männer mal entdeckt haben wie bequem sie sind, sind sie treue Fans. Es gibt halbe Grössen und vier verschiedene Breiten. Die Schuhe sind phänomenal und halten auch ewig.

Apropos: Der Powersuit für Frauen soll im Herbst ein grosses Mode-Comeback haben...

Wir arbeiten auch für Frauen. Handgemachte Frauenanzüge werden richtig gut. Ein Herrenschneider macht bessere Damenjacken als ein Damenschneider. Wir konstruieren sie wie Herrenjacken mit guten Einlagen aus Rosshaar. Und wir denken an die Innentaschen wie bei den Herren. In der Couture ist vieles zu fein verarbeitet. Es fehlt die Festigkeit darin.

Wie definieren Sie Stil?

Stil ist, wenn jemand trägt, was ihm steht und wenn das Gesamtbild stimmt. Ich habe Kunden, die seit gefühlten 230 Jahren dieselbe Art Anzug tragen. Das kann sehr cool sein und sieht gut aus auch wenn es nicht modern ist. Es ist hundert Mal stilvoller als jedem Trend zu folgen. Wir wollen hier gar nicht Mode machen sondern solide, klassische Anzüge, die modern sind. Ein Kunde aus Kanada bestellt eine Menge Anzüge bei mir.  Er will sie wie in den 40er-Jahren, oben breit und unten eng, also mit keilförmiger Silhouette. Dazu trägt er so Al-Capone-Mäntel. Wir machen das. Er sieht super darin aus. Er ist eine Erscheinung und nicht 08/15. Da kann man nur applaudieren. Es bereitet mir Freude, jemanden zu beraten, der anschliessend mit Freude das Geschäft verlässt.

Welche Männer sind Stilinstanzen?

Edward VIII., der Herzog von Windsor, prägte und prägt bis heute massiv den Stil im angelsächsischen Raum. In Italien war es Gianni Agnelli.

Arbeiten Sie nach britischem Vorbild?

Wir arbeiten hauptsächlich zwischen englischer und deutscher Modellführung. Die Engländer schneidern sanduhrartig, die Deutschen haben super Grundschnitte. Die Franzosen mögen die Schultern so wie sie Yves Saint Laurent in den 70er-Jahren geprägt hat, vor allem bei Jacken für Frauen. Die Italiener wiederum lieben es sehr schmal. Wenn jemand italienisch will, können wir das auch. Wir haben unsere Handschrift aber wir vergewaltigen die Kunden nicht. Wenn jemand ein breites Revers wünscht machen wir das. Wir bringen die Vorstellungen des Mannes so auf den Punkt, dass er sich wohlfühlt. Der Mann muss im Anzug so gut aussehen, dass die Leute sagen er sehe gut aus und nicht fragen ob er gerade einen neuen Anzug gekauft hätte. Persönlich finde ich den allgegenwärtigen Fokus auf Labels und Gadgets nicht interessant. Es kann nun mal nicht jeder alles tragen. Es gibt Leute, die können auch bei H&M kaufen und es ist ok. Bei anderen funktioniert es nicht.

Wann kann Mann nicht mehr im H&M kaufen?

Wenn die Figur nicht überall reinpasst und wenn die Figur einen Defekt hat. Oder wenn man einfach einen anderen Wert möchte. Bei mir steht im Hof ein Fiat 500. Mit dem komme ich wunderbar nach Mailand. Aber wenn ich dann wieder den Bentley fahre, fühlt es sich einfach gut an. So verhält es sich mit Anzügen. Mit H&M kann man wunderbar leben. Aber wenn man einmal den Unterschied gespürt und die Details wahrgenommen hat... Die Nähte, die Knopflöcher, das Futter sind ein Teil, den Rest muss man riechen. Wir haben Kunden, die früher für Konfektion mehr Geld ausgegeben haben als wir hier für handgemachte Anzüge verlangen. Auf den Geschmack kommt man mit der Zeit. Das ist gleich wie mit Wein, Zigarren und Whisky. Das weiss man nicht einfach so, da muss man sich erst hineinarbeiten und hineinleben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nach zwei Bestellungen jeder Kunde bestätigt, dass Massanzüge einfach die besseren Anzüge sind.

Wie lange hält so ein massgeschneiderter Anzug?

Dazu erzähle ich die Geschichte eines englischen Kunden, ich nenne ihn Mr. Comfort. Er kommt herein, stellt eine Tasche auf den Tisch und sagt «Mr. Roffler, I would like you to redo this suit.» Unsere Anzüge sind auf der Etikette immer mit der Arbeitsnummer und dem Ausführungsdatum gekennzeichnet. Ich schaue also aufs Etikett und sehe der Anzug stammt noch vom Vorbesitzer meines Ateliers. Ich frage den Kunden, ob er wisse wie alt sein Anzug sei? Er hatte keine Ahnung und ich klärte ihn auf: von 1968. Da meinte Mr. Comfort «Oh, that was a bloody good year. I bought a Ferrari in this year and I still drive it.» Ich sagte ok, ein Anzug ist kein Ferrari aber wenn Sie wollen dann machen wir Ihnen den Anzug neu. Er meinte «perfect. I don’t care about the cost». Wir haben alles auseinander genommen und brauchten fast 30 Stunden um den Anzug zu renovieren. Das halte ich für wahren Luxus, etwas gern haben und es einfach genau so wieder haben zu wollen und es nicht einfach wegzuwerfen.

Nachhaltigkeit ist ein gross diskutiertes Thema in der Mode...

Da sind wir mit Massanfertigung voll dabei. Wenn Leute mir sagen, «schau mal wie toll meine Hose ist und sie hat nur 39.90 gekostet», dann erwidere ich «was glaubst Du, hat derjenige bekommen, der die Hose genäht hat und unter welchen Bedingungen arbeitet er?» Natürlich kaufen meine Töchter auch solche Sachen. Ich arbeite und fertige in der Schweiz, ich bezahle Löhne in der Schweiz und wir stellen ein Produkt her. Heute macht niemand mehr ein Produkt. Man treibt nur noch Handel oder bietet Dienstleistungen an. Ich finde wir machen etwas, das Hand und Fuss hat.

Viele Ausstatter bieten heute ein sogenanntes Customizing an. Wann darf sich ein Anzug Massanzug nennen?

Massanzug bedeutet, dass alles nach einem persönlichen Schnittmuster von Hand gemacht ist. Es gibt keine vorgefertigten Teile und mindestens zwei Anproben. Nach acht Wochen ist bei uns der Anzug fertig. Ob das Revers handgemacht ist, sieht man beim Einschlag, handgenähte Knopflöcher erkennt man ebenfalls. An einem Knopfloch arbeiten wir eine Stunde. So eine Jacke kann man zusammengeknüllt in einem Plastiksack 20 Jahre auf dem Estrich lagern, wieder herausnehmen und anziehen. Durch die Machart kommt sie wieder in Form.

Sie erzählen von Ihren stilbewussten ausländischen Kunden. Wie gut kleidet sich der Schweizer Mann?

Was gut gekleidet heisst, kann man nicht in einem Satz sagen. Es bestehen heute viele Optionen. Banker und Berufsmänner im oberen Niveau brauchen sicher gute Anzüge. Schweizer können da von den Engländern, Italienern und Franzosen noch viel lernen. In diesen Ländern tragen auch Politiker gute Anzüge. Ab einem gewissen Salär gehört das dazu und die Männer gehen zum Schneider. Das ist bei uns leider nicht der Fall. Es ist ja nicht das Problem, dass sie sich nicht zwei, drei rechte Anzüge leisten könnten...

Woran liegt es?

Vielleicht am Bergler- und Bauern-Gen. Den Kleidungsstil der Schweizer Männer könnte man bis weit in die Bankenwelt hinein verbessern. Es gibt hier einfach nicht so eine Kultur. In Italien wollen alle gut aussehen. Das ist in der Natur des Volkes. Hier fehlt das Knowhow. Die Politiker haben niemanden, der sie berät. Sie ziehen sich einfach an und fertig. Na ja, man kann es auch positiv sehen, dass man hier etwas hölzern und holprig daherkommt und es nicht gleich für alles einen Stilberater braucht.

Ärgern Sie sich manchmal über Stilverweigerer?

Nein, aufregen tue ich mich nicht. Ich finde es höchstens schade, dass auch bei vielen Geschäftsmännern der Stil in der Freizeit abbröckelt. Dann ziehen sie sich so seltsam casual an. Meine Aufgabe ist es, zu erklären und zu zeigen wie wir jemanden besser aussehen lassen können. Wenn man die Leute platt schwatzt, dann machen sie sowieso das Gegenteil.

Wie beraten Sie Mass-Novizen?

Wir fangen sachte an. Mir ist es wichtiger einen Kunden zu gewinnen als zwei Jacken zu verkaufen. Jüngeren Männern empfehle ich zum Beispiel mit einer gepflegten Sporthose zu beginnen und sie später mit einer Jacke als Passepartout zu ergänzen. Bis heute halte ich den Tschopen für das Kernstück der Kleidung. Eine gute Jacke passt immer und zu allem, ob zu Jeans oder zu einer schönen Hose. Die Jacke ist das Kernstück von dem Geschäft, das mir damals vorgeschwebt ist.

Zweiteiler oder Jacke-Hose-Kombination?

Den klassischen Businessanzug gibt es nicht mehr. Selbst Anwälte tragen eine Kombination aus Hose und Jacke anstelle der zweiteiligen «Büchsen». Also Kombination. Die kann man lange tragen. Lange tragen heisst, dass man die Jacke und Hose sowohl leger als auch elegant kombinieren kann. Aber Achtung, wohnen soll man natürlich nicht in der Kleidung. Neulich kam ein Kunde mit seinem Anzug, den er ein Jahr zuvor gekauft hatte und meinte der Anzug wäre schon etwas abgetragen. Ich musste ihm beibringen, dass das unvermeidbar ist, wenn man ein Kleidungsstück jeden Tag trägt. Das ist nicht die Idee. Lange tragen heisst, die Teile lassen sich gut kombinieren. Es bringt nichts, wenn der gute Anzug zuhinterst im Schrank hängen bleibt, weil man ihn aufsparen will.

Was kostet eigentlich ein Massanzug?

Ab etwa 4500 Franken für einen Zweiteiler ist man dabei. Unsere Stoffe kommen hauptsächlich aus Frankreich, Italien und England. Wir arbeiten mit den fünf wichtigsten Herstellern und sind die Einzigen in der Schweiz, die auch ganz teure Stoffe angeboten bekommen. Das ist ein Kompliment an uns. So ein exklusiver Anzug kostet dann 25000 Franken. Das verkauft man nicht jeden Tag.

Gibt es einen besten Anzug für jedes Alter?

In den letzten zehn Jahren hat sich die Männermode stark verändert. Männer sind heute anspruchsvoller und agiler. Natürlich gibt es nach wie vor Männer, die sind in einem Job wo sie am besten aussehen im dunkelgrauen Nadelstreifenanzug. Denen muss man nicht einen hellgrünen empfehlen, damit sie auch mal etwas Lustiges haben. Der beste Anzug ist derjenige, der einem am besten steht und in dem man am besten aussieht und nicht der modischste.

Was sind Ihre persönlichen Lieblingsstücke im Sommer?

Ich mag Leinen. Ich habe mich 20 Jahre lang schwer getan mit Leinen, heute liebe ich es. Meine südländischen Kunden haben mich von seinen Qualitäten überzeugt. Und ich mag Seide. Seide hat so einen 70er-Jahre Retro-Touch. Als Anzug ist es lässig. Seide ist cool. Aber das wollen nicht viele. Den meisten ist es zu shiny und zu glänzend.

Würden Sie heute wieder in Ihrem Beruf anfangen?

Ja, unbedingt.

Hatten Sie nie Lust auf etwas anderes?

Ich hatte immer viele Interessen. Ich hätte auch etwas machen können womit ich mehr Geld verdient hätte. Aber ich schätze die Lebensqualität und freue mich jeden Tag auf meine Arbeit. Wenn ich am Morgen in meine «Belgian Shoes» schlüpfe, denke ich wie lässig es ist, dass ich diese Schuhe anziehen dann. Ich denke nie, «jetzt muss ich wieder in diesen Scheissjob». Das ist ein riesiges Privileg. Andere verdienen viel mehr, aber ich habe eine gute Zeit.

(Interview: Marianne Eschbach. Photos: Boris Baldinger)